„Ich stehe vor der Tür und klopfe an…”

Dr. Gudrun Griesmayr

Papst Franziskus - Quelle: Agencia brasil
Papst Franziskus – Quelle: Agencia brasil

„In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass Jesus von außen anklopft, um hineinzukommen … Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die auf sich selbst bezogene Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten.“

Diese Worte von Kardinal Jorge Bergoglio, dem aktuellen Papst Franziskus, die er im Vorkonklave gesagt hat, haben mich elektrisiert. Ich nehme sie zum Ausgangspunkt für meine Ausführungen.

Es geht um das Wohnen Gottes – um Gottes Wohnen bei den Menschen. Aber, so frage ich mich:

Wie kommt Gott unter die Leute? Wie findet man ihn, wenn er doch keine irdische Adresse hat (vgl. Apg 7,48)?
Jesus tröstet vor seinem Heimgang zum Vater die Jünger mit den Worten: Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt. 28,20). Wo ist er, wenn wir ihn doch nicht sehen können?
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mt. 18,20), antwortet mir Jesus aus der Hl. Schrift. Die Emmausjünger haben diese Gegenwart von „Jesus in ihrer Mitte“ erfahren: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? (Lk. 24,32).
Hier tritt für mich das eingangs zitierte Wort von Papst Franziskus ins Blickfeld: Was „machen“ wir Christen mit dieser Erfahrung, die Ausdruck einer Wirklichkeit ist, in der wir leben – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht?
Jesus hatte einen Auftrag, eine Sendung von seinem Vater auf Erden zu erfüllen. Er verkündete die „Gute Nachricht“ des Evangeliums von Rettung und Heil und sagte von sich, dass er keinen Ort [hat], wo er sein Haupt hinlegen kann (Lk. 9,58), das heißt, er hatte keinen „festen Wohnsitz“.
Die Jahreslosung 2013 ruft auch uns auf diesen Weg und erinnert uns an den Lebensstil der Jünger und Jüngerinnen Jesu: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebr 13,14).
So tragen wir in der Nachfolge Christi und gleichsam in seinen Fußstapfen – wie seit dem ersten Pfingsten unzählige Christen vor uns – die Botschaft Jesu in die Welt, nicht unbedingt und zuerst mit Worten, aber gewiss und vor allem durch unser ganzes Leben.

Gott ist in der Welt

Die Kirche, die – mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gesagt – Zeichen der Gegenwart Gottes und Werkzeug seines Handelns in der Welt ist (vgl. LG), führt in der Kraft des Heiligen Geistes das Werk Christi zugunsten der Menschen weiter: Sie steht ganz im Dienst für Gott und die Menschen. Noch einmal Papst Franziskus: „Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium [Lk 13,10–17]).“
Das Wohnen Gottes in seinem Volk und das Wohnen der Jünger in der Nachfolge Jesu, die wir in den letzten beiden Quatemberboten dieses Jahres bedacht haben, verdeutlichen, dass der „göttliche Wohnraum“ hier auf der Erde unendlich viel weiter ist als die vermeintlich sicheren „vier Wände“ der eigenen Konfession oder Gemeinschaft (vgl. Lk. 9,49f). Gott wohnt nicht nur im geschützten religiösen Raum, wo man Geborgenheit erfährt und sich wohl fühlt (vgl. Lk. 9,33), sondern er sieht und liebt die ganze Welt und wohnt in ihr.
Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in diesem Sinn: „Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind“ (GS 11).

Gott ist mit uns

In der Menschwerdung hat sich Jesus Christus mit jedem Menschen vereint (vgl. GS 22) und ist bis in den Tod hinein mit allen solidarisch geworden: „Der »das Bild des unsichtbaren Gottes« (Kol. 1,15) ist, er ist zugleich der vollkommene Mensch, der den Söhnen Adams die Gottebenbildlichkeit wiedergab, die von der ersten Sünde her verunstaltet war. […] Da nämlich Christus für alle gestorben ist (vgl. Röm 8,32) und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein“ (GS 22).
„In einer Gott bekannten Weise“ – diese Worte weisen einerseits darauf hin, dass Gottes Handeln an und in den Menschen, Völkern und Religionen für uns Christen oft geheimnisvoll bleibt. Und andererseits kommt ein wesentlicher Aspekt der Berufung der Kirche zur Sprache: Sie hat teil an der Sendung Christi und ist Werkzeug in Gottes Hand. Seinem souveränen Handeln hat sie sich zur Verfügung gestellt. Ihre Berufung ist es, sowohl ihn in die Welt zu bringen, als auch sein Handeln an den Menschen und in der Welt zu entdecken.
Solches geschieht, wenn Menschen bereit werden, Jesu Weg nachzugehen und anderen zu dienen. Christliche Berufung ist „Teilnahme an der königlichen Sendung Christi“, „dass wir in uns und in den anderen die besondere Würde unserer Berufung entdecken, die man »Königswürde« nennen könnte. Diese Würde drückt sich in der Bereitschaft zum Dienst nach dem Beispiel Christi, der »nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen« (Mt 20,28)” (RH 21). Dazu weist Jesus die Seinen an: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. In Christus finden wir also das Maß der Liebe, die die Beziehung der Menschen untereinander beseelen soll: Keiner hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde (Joh. 15,13).
Wer im Bewusstsein dieser göttlichen Würde jedes Menschen den Blick auf seine Mitmenschen richtet, entdeckt Gottes Handeln in, an und durch sie. Es beschränkt sich nicht nur auf Christen. Oft sind uns gerade Nichtchristen ein beeindruckendes Vorbild z.B. durch ihre überzeugend gelebte Mitmenschlichkeit. In der westlichen Welt verdanken wir bis heute auch anderen Kulturen wertvolle und notwendige Impulse. Von Gott, dem Ursprung allen Lebens, kommen alle guten Kräfte. Wo Christen ihren Mitmenschen dankbar und demütig begegnen, kann die Liebe Gottes ihre Wirksamkeit entfalten.

Gott will unter den Menschen wohnen

So wie Gott in der Seele eines Menschen wohnt, so kann er auch unter Menschen wohnen. Zwischen zwei Menschen, die in der Liebe Christi vereint sind, öffnet sich ein Raum, in dem man Gott begegnen kann. Es entsteht eine tiefe Gemeinschaft. Jesus selbst tritt hinzu und mit ihm der Vater und der Heilige Geist. Der dreifaltige Gott „wohnt” in dieser Beziehung der Gegenseitigkeit. Sie ist von „Jesus in der Mitte” (vgl. Mt 18,20) geprägt und zeigt sich in der Art und Weise, wie wir aufeinander schauen, wie das Leben Gottes unter uns kreist, wie wir uns gegenseitig lieben.
Gottes Wohnen kommt aber nicht nur in der Gegenseitigkeit von Einzelnen zum Ausdruck, sondern auch in der Gemeinschaft der Kirche insgesamt. Die ganze Kirche ist eingefügt in den Lebenskreislauf der Dreifaltigkeit und hat Anteil an dem einen göttlichen Geist, den Jesus erbeten hat: Wie du Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen sie auch in uns sein (Joh 17, 21).
Christus ist die Mitte der Kirche. Von ihm her empfängt sie ihr Selbstverständnis und ihre Sendung. Er ist ihr Ziel und ihr Weg. Von ihm her ist sie gerufen, Zeichen und Werkzeug für die Einheit der Menschen mit Gott wie für die Einheit der Menschen untereinander zu sein (vgl. LG): Die Kirche als Volk Gottes ist Werkzeug dafür, dass Gottes Wirken in der Welt zum Durchbruch kommen kann und sich Gottes Reich in der Welt verwirklicht.
Dem Wohnen Gottes in seiner Kirche ist eine besondere Dynamik eigen: Durch die gegenseitige Liebe werden Menschen in Christus eins. Wenn sie auseinander gehen, bilden sie dort, wo sie sind, wiederum mit anderen einen geistlichen Raum, der von der Präsenz Christi erfüllt ist. So haben es die Emmaus-Jünger erlebt: Christus selbst war zugegen, als er mit ihnen das Brot brach. Und Christus blieb bei ihnen, als sie nach Jerusalem zurückgekehrt waren. So wird die Kirche zum „Medium” der Kommunikation Gottes mit der Welt. In dieser Haltung wird sie fähig, der Welt ihren Ursprung und ihre eigentliche Mitte aufzuschließen: Die Wirklichkeit des dreieinigen Gottes, der alles erschaffen hat, der erlöst und alle auf seine Weise zusammenfügt.

GS: Gaudium et Spes (Freude u.Hoffnung) über die Kirche in der Welt von heute, Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils
LG: Lumen gentium (Licht der Völker), Dogmatische Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche
RH: Redemptor Hominis (Erlöser des Menschen) Antrittsenzyklika von Papst Johannes Paul II., 1979

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