Eine un-erhörte Frau

Brigitte Horneber

„Aber die Kirche hat ihren Auftrag nicht von Menschen und ist nicht Menschen und Zeiten verantwortlich, sondern dem ewigen Gott. Sie hat dem Volk, in das sie gestellt ist, das Wort und den Willen Gottes zu verkündigen, und sie hat ihm auch dadurch zu dienen, dass sie zugleich für sich und stellvertretend für das Volk Buße tut für das, was geschehen ist und fortdauernd geschieht.“

So schreibt Elisabeth Schmitz in ihrer Denkschrift. Wenige Zeilen später heißt es dort:
„Seit wann hat der Übeltäter das Recht, seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben? Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, wenn wir Unrecht tun? Hüten wir uns, dass wir den Gräuel unserer Sünde nicht verstecken im Heiligtum des Willens Gottes.“
Aussagen und Fragen, die aufrütteln. Scharfe und deutliche Worte, unbequem und herausfordernd – auch heute. Der Wille Gottes geschieht – so bekennen und bitten wir: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. In dieses Geschehen hinein begabt Gott durch alle Zeiten hindurch Männer und Frauen, die in Verwirrung und Unsicherheit mutig Orientierung geben. Dabei ist nicht der messbare Erfolg entscheidend, sondern wie treu sie diesen Auftrag erfüllen. Am Leben von E.Schmitz zeigt sich etwas von solch einem prophetischen Rufen in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihr Aufruf zur Verkündigung und „stellvertretend für das Volk Buße zu tun für das, was geschehen ist und fortdauernd geschieht,“ ist nach wie vor aktuell.
Bereits 1935/36, also vor 76 Jahren, formulierte Elisabeth Schmitz in ihrer „Denkschrift zur Lage der deutschen Nichtarier“ die oben zitierten Sätze. Hellwach und mit kritischem Blick nahm sie das Zeitgeschehen wahr. Wie nur wenige ihrer Zeitgenossen durchblickte sie die politischen Vorgänge und sah früh die katastrophalen Folgen, die auf die Menschen zurollten. Sie wurde nicht müde, mit ihrer prophetischen Stimme die Verantwortlichen in der protestantischen Kirche, zu der sie gehörte, wachzurütteln und Taten zu fordern. Oft litt sie darunter, so wenig Gehör zu finden.

Wer war diese Frau?

Elisabeth_image4Geboren wurde Elisabeth Schmitz 1893 in Hanau. Als jüngste von drei Töchtern der Familie Schmitz konnte sie 1908 von der Schulreform profitieren, die damals jungen Frauen erstmalig die Chance zu Abitur und Studium eröffnete. So studierte sie nach dem Abitur 1914 zunächst Geschichte, Theologie und Germanistik an der Universität in Bonn. Bereits 1915 siedelte sie nach Berlin über und setzte dort ihre Studien fort. Sie gehörte zur ersten Generation von Frauen in Deutschland, denen eine eigenständige berufliche Tätigkeit mit akademischem Abschluss offenstand. Jedoch bedeutete dies für sie auch, dass sie als Frau im öffentlichen Dienst unverheiratet bleiben musste. E.Schmitz entschied sich für den Schuldienst und unterrichtete an verschiedenen Schulen in Berlin. Ab dem Jahr 1933 erlebte sie zunehmend die Entfernung jüdischer Kolleginnen aus dem Unterricht. Da sie selbst die nationalsozialistischen Ziele ablehnte, blieben Schwierigkeiten mit dem Direktor der Schule auch für sie nicht aus. Für kurze Zeit war die Versetzung an eine andere Schule noch eine Möglichkeit, den Problemen des Schulalltags auszuweichen.
Das öffentliche Geschehen spitzte sich zu. 1938 wurden neue Richtlinien für Schule und Unterricht erlassen. Man suchte vergeblich nach dem Aufschrei der Lehrenden. Elisabeth Schmitz schreibt dazu rückblickend: „Die jahrelange Verhetzung durch Partei, Presse, Rundfunk machte sich immer stärker bemerkbar, auch bei den Kindern. Eine Erziehung zu Wahrhaftigkeit, zu Selbstverantwortung, zu Objektivität, zu Menschlichkeit wurde in einer Atmosphäre von Hass und Rassendünkel, von Vergötzung des eigenen Volkes immer unmöglicher.“

Im Dezember 1938, kurz nach der Reichspogromnacht, wandte sie sich an die zuständige Behörde: „Es ist mir in steigendem Maße zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen rein weltanschaulichen Fächern – Religion, Geschichte, Deutsch – so geben kann, wie ihn der Nationalsozialistische Staat von mir erwartet.“ Sie bat um ihre Entlassung. Auf Grund einer schweren gesundheitlichen Krise und mit Unterstützung weniger noch wohlwollender Fürsprecher in der Schulbehörde konnte dies durch eine Frühpensionierung zum Jahresende 1938 geschehen.
Noch fünf Jahre blieb sie in Berlin. Ihre vielfältigen Kontakte zur jüdischen Bevölkerung ließen die ständig wachsende Not der Freunde zur eigenen Not werden. Bereits im Jahr 1933 hatte sie eine befreundete jüdische Ärztin bei sich aufgenommen, die aufgrund des Berufsverbotes für nichtarische Ärzte ihre eigene Wohnung nicht mehr hatte halten können. So erfuhr sie hautnah die Folgen der Propaganda gegen jüdische Mitbürger und die unsägliche Not der sich häufenden gesetzlichen Einschränkungen.

Ringen um den Willen Gottes

Immer wieder schrieb Elisabeth Schmitz Briefe an verantwortliche Männer in der Kirche, von denen sie klare Worte und helfende Taten erwartete. Bereits im April 1933 wandte sie sich an Karl Barth, dessen Stimme in weiten Kreisen aufmerksam gehört wurde: „Verzeihen Sie, dass ich als gänzlich Unbekannte an Sie schreibe. Aber es drängt mich dazu aus der tiefen Not der Zeit heraus. In meinem engsten Freundeskreis erlebe ich erschütternd schwer die Folgen der Judenverfolgung. Die Flut von Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, Hass, Lüge, Grausamkeit, die über unsere jüdischen und von Juden abstammenden Volksgenossen hereinbricht, scheint mir ein so furchtbarer Beweis von Sünde und Schuld der christlichen Seite, dass uns doch wohl noch in anderem Sinne als sonst Todesangst erfassen müsste vor dem Gericht Gottes.“

Wenige Wochen später veröffentlichte Karl Barth seine Protestschrift „Gegen die protestantische Selbstumwandlung in eine völkische Reichskirche„. Elisabeth Schmitz sandte ihm daraufhin ein Dankschreiben, in dem es unter anderem heißt: „Mir scheint, dass wir heute in der Kirche eine Gottlosenbewegung von nie gekanntem Ausmaß haben … und mir scheint, dass der Blutwahn allmählich eine Atmosphäre zeigt von einer Krankhaftigkeit und Schwüle, die sich in nichts unterscheidet von der des Hexenwahns.“

In einem Schreiben an den Theologieprofessor Walter Künneth nach dessen Herausgabe seiner Anti-Rosenbergschrift 1935 äußerte sich Elisabeth Schmitz empört über seine Verharmlosungen der nationalsozialistischen Rassenlehre und des herrschenden Zeitgeistes. Man spürt etwas von ihrem Ringen um die Kirche, wenn sie schreibt: „Die Kirche macht es einem bitter schwer, sie zu verteidigen.“
Auch in ihrer Denkschrift, die sie 1935 in Eigenarbeit mit ihrer Schreibmaschine mit Hilfe von Matrizen etwa 200 Mal vervielfältigte, fragt sie: „Warum muss man sich immer wieder sagen lassen aus den Reihen der nichtarischen Christen, dass sie sich von Kirche und Ökumene verlassen fühlen? Dass ihnen jüdische Menschen und jüdische Hilfsorganisationen helfen, nicht aber die Kirche? Dass sie sich um ihre katholischen nichtarischen Mitglieder keine Sorgen zu machen brauchen, denn diese gingen nicht zu Grunde, weil die katholische Kirche für sie sorge, dass man aber über die Haltung der evangelischen Kirche nur sagen könne: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun? Warum stellt die katholische Kirche nichtarische Ärzte und Schwestern ein, wo sie kann – die evangelische Innere Mission aber hat Arierparagraphen?“

Diese Denkschrift verteilte sie an die Mitglieder der Bekennenden Kirche, wie z.B. Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und Helmut Gollwitzer. Sie selbst war Mitglied in der Bekennenden Kirche und hoffte mit ihrer Denkschrift, diese zu einem öffentlichen Protest gegen die Judenverfolgung zu veranlassen.

Um das Risiko der eigenen Verfolgung zu mindern, verfasste sie die Denkschrift anonym. In vielen Beispielen liest man dort von dem Unrecht, das im Land geschieht. Es ist aus heutiger Sicht nur schwer zu verstehen, dass das von E.Schmitz dokumentierte Geschehen anscheinend wenig wahrgenommen wurde. Selbst ihr Versuch, dass sich die Synode der Bekennenden Kirche mit dieser Denkschrift beschäftigte, scheiterte.

Leiden an der Kirche

Seit 1933 gehörte E.Schmitz zum Kirchenvorstand der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Später hielt sie sich mehr an die Dahlemer Gemeinde, in der in dieser Zeit Helmuth Gollwitzer als inoffizieller Nachfolger des inhaftierten Martin Niemöller wirkte.

Was sie im Januar 1938 in ihrer Gemeinde in einer Predigt über Röm 13 (Seid untertan aller Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, denn sie ist von Gott eingesetzt.) hören musste, war für sie unverständlich und schmerzlich. Der Prediger legte diese zentrale Stelle so aus: „Was Paulus vor annähernd 2000 Jahren zum rechten Verhalten der frühen Christengemeinde gegenüber der kaiserlichen Obrigkeit in Rom sagte, muss auch heute für die Kirche verbindlich sein. Der Christ kann auch jetzt reinen Gewissens gehorsam sein, gerade auch die Beamten: Wir Christen setzen uns für alles ein, was Ordnung heißt, was Recht heißt, was Gerechtigkeit und Autorität heißt, wir geben dem Staat eine höhere Ehre als allen anderen Menschen; denn uns ist die Obrigkeit von Gott verordnet.“
Diese Worte bedeuteten nach der Überzeugung von E.Schmitz eine Gewissensentlastung für alle, die dem erkennbaren Verbrecherregime nicht widerstehen wollten oder konnten.

E.Schmitz ging es um das aufrechte Ringen, den Willen Gottes glaubwürdig in der jeweiligen Zeit zu erkennen und entschlossen auch gegen Widerstände zu leben. So sprachen ihr die Worte von D. Bonhoeffer aus dem Herzen: „Aus der verwirrenden Fülle der möglichen Entscheidungen scheint der sichere Weg der Pflicht herauszuführen. Hier wird das Befohlene als das Gewisseste ergriffen, die Verantwortung für den Befehl trägt der Befehlshaber, nicht der Ausführende. In der Beschränkung auf das Pflichtgemäße kommt es niemals zu dem Wagnis der auf eigenste Verantwortung hin geschehenen Tat, die allein das Böse im Zentrum zu treffen und zu überwinden vermag. Der Mann der Pflicht wird schließlich auch noch dem Teufel gegenüber seine Pflicht erfüllen müssen“ (aus: Widerstand und Ergebung).

Nach den Novemberpogromen 1938, als Angehörige von SA und SS ungehindert Tausende von Synagogen, Geschäften und Privathäusern verwüstet hatten, die Bevölkerung zum großen Teil wegschaute oder sogar mittat, bedrängte E.Schmitz ihren Dahlemer Pfarrer Helmut Gollwitzer, eine Bußtagspredigt gegen das schreiende Unrecht zu halten. „Es ist einfach ganz unmöglich, dass ein Volk oder vielmehr die Kirche eines Volkes, in dem diese Dinge geschehen sind, einen Landesbuß- und -bettag feiert, und von dem allen soll keine Rede sein. … Die Verkündigung der Gebote und zwar die konkrete Verkündigung – hier und heute – kann man nicht aufschieben. Hier hört die Taktik auf. … Ich meine, eine evangelische Kirche, noch dazu eine, die sich den Namen ‘Bekennende Kirche’ gegeben hat, in einem Land, in dem geschehen ist, was in Deutschland geschieht, müsste sofort in allen Gemeinden Bußgottesdienste ansetzen. Und nun ist Bußtag und die Kirche soll schweigen? … Es handelt sich ja nicht mehr um die Sache unserer jüdischen Brüder – dazu ist es nun endgültig zu spät. … Es handelt sich um die Sache der Kirche, um ihren Gehorsam, um ihren Auftrag, um die Ehre vor Gott und der Christenheit, aber nicht vor der Welt.“

Nach ihrer Entlassung aus dem Schuldienst lebte E.Schmitz noch bis 1943 in Berlin, bevor sie im Zuge der allgemeinen Evakuierung zurück nach Hanau in ihr Elternhaus zog. In dieser Zeit unterstützte und half sie jüdischen Mitbürgern, wo sie nur konnte. Darüber hinaus schrieb sie weiterhin unzählige Briefe, in denen sie auf das Unrecht aufmerksam machte.

Nach Kriegsende nahm sie nochmals den Schuldienst auf und unterrichtete bis zu ihrer endgültigen Pensionierung 1958. Sie engagierte sich im Hanauer Geschichtsverein, unterstützte und förderte einzelne Schülerinnen weit über ihre Schulzeit hinaus. Über ihre Rolle vor und während der Kriegsjahre sprach sie nicht. Als sie am 10. September 1977 im Alter von 84 Jahren starb, nahmen an ihrer Beerdigung nur sieben oder acht Personen teil.

Vergessen, unerkannt, unbedeutend – so scheint ihr Leben zu Ende gegangen zu sein. Ihr Dienst blieb im Verborgenen, nicht messbar in seinen Auswirkungen. Erst 27 Jahre später erweckte der Fund von alten, handschriftlichen Unterlagen dieser Frau das Interesse, neu auf ihr Leben zu schauen.

(Zitate aus: Manfred Gailus, Mir aber zerriss es das Herz, Göttingen 2011)

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