Aufruf zum gemeinsamen Christusleben

2. Erstarrtes bricht ab, Neues und Lebendiges bricht auf

Die Feiern und das Gedenken an die Reformation 1Im Jahr 2017: 500 Jahre Reformation. haben an vielen Stellen ein erfreulich positives Miteinander der beiden kleiner gewordenen Großkirchen mit sich gebracht. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei uns und vornehmlich in der westlichen Christenheit eine fundamentale Krise der Kirchen herrscht.

In einer kurzgefassten und damit auch vereinfachten Weise hat es jemand im Blick auf die evangelische Kirche in Deutschland – ähnlich könnte es wohl auch für die römisch-katholische gesagt werden – so ausgedrückt: „Wir leben hier und in ganz Europa im Kontext eines nie dagewesenen Atheismus. Ein unvergleichlicher und nicht nachlassender Mitgliederschwund sowie viele belastende Veränderungen, Reformen, Fusionen und Umbrüche kennzeichnen die Situation. Dazu kommt eine Erosion in der Mitte der Verkündigung, mit der eine geistliche Kraftlosigkeit einhergeht. Wir stehen vor Abbrüchen historischen Ausmaßes.“ 2Zeitschrift „Geistesgegenwärtig“ der GGE, 3/September 2017, S. 35.

Zugleich sind uns jedoch neue Aufbrüche bekannt, vor allem in Verbindung mit dem Thema Gebet. Das gilt nicht nur bei den Gebetshäusern, sondern ebenso auf verschiedensten Ebenen und in unterschiedlichsten Weisen sowohl in freien Initiativen als auch innerhalb der bestehenden Konfessionen.

Das größte Wachstum der Christenheit geschieht außerhalb der westlichen Welt. Oft ist es verbunden mit furchtbaren Christenverfolgungen. Noch nie wurden so viele Christen verfolgt wie in unserer Zeit. Die Christenheit geht an vielen Stellen erkennbar den Weg des Leidens, den „Weg dem Lamme nach“.

Ein neuer Blick auf das Volk des ersten Bundes, auf die Wurzel des christlichen Glaubens, hat eine segensreiche Abkehr von der verhängnisvollen sog. „Enterbungstheologie“ in Gang gebracht. Das Zweite Vatikanische Konzil war in der römisch-katholischen Kirche ein besonderes Wunderzeichen der Erneuerung und Öffnung hin zu allen anderen Christen. Auch angesichts der Verwerfungen in den turbulenten 68er-Bewegungen ist die Revolution der Liebe durchgebrochen und haben sich neue Formationen lebendigen Christseins gebildet.

Und es gibt weitere erstaunliche Bewegungen aufeinander zu. Außerhalb und innerhalb der Kirchen erleben wir eine bisher so noch nicht dagewesene Vernetzung, die verheißungsvoll ist. Das „Miteinander für Europa“ mit europaweit mehr als 300 geistlichen Gemeinschaften sei als ein Beispiel von vielen genannt.

In der charismatischen Erneuerung und – damals, nach dem Krieg, noch wenig im Bewusstsein – in der messianischen Bewegung unter Juden können wir Bewegungen des Heiligen Geistes erkennen, die auch in die Kirchen hineinwirken. Sie haben den Blick für das Ganze des Leibes Christi in vielfacher Weise gefördert.

So stehen wir auch heute in einer besonderen Zeit, die mit großen Herausforderungen für das Zusammenleben der Menschen verbunden ist. Angesichts dessen wird nach wie vor das Zeugnis des gemeinsamen Lebens in Liebe benötigt. Die Bitte Jesu an den Vater um das Einssein seiner Jünger, das ja ein Einssein in der Liebe ist, eine umfassende Liebes- und Lebensgemeinschaft im dreieinigen Gott, ist so dringlich wie zuvor. Es steht unter der Verheißung, den Menschen den Glauben an die Sendung Jesu als Gottessohn in eindrücklicher Weise zu ermöglichen.

Erkennen wir auch heute die Stunde und die Not Gottes, seine werbende Liebe, die uns ganz hineinnehmen will in die gemeinsame Sendung zum Heil der ganzen Welt – bis der Herr in Herrlichkeit wiederkommen wird?


Fussnoten   [ + ]

X