Aufruf zum gemeinsamen Christusleben

3. Was tut not?

In jenem Aufruf lesen wir:

  • „Not tut, dass wir leben, was wir in Christus sind. Und Buße tun darüber, dass wir nichtsind, was wir in Christus sein dürfen!
  • Not tut, dass wir umkehren von den Wegen des Ungehorsams und Unglaubens, da ein jeder sieht auf seinen eigenen Weg (Jes. 53,6);
  • dass wir uns schämen über unsere Sünde, mit der wir gegen den Herrn und Sein heilig vollbrachtes Werk gesündigt haben;
  • dass wir unsere Schuld erkennen, um derentwillen Not, Leid, Fluch und Gericht über die Völker gekommen sind und kommen, weil wir ihnen das Zeugnis des Herrn schuldig geblieben sind (Joh 17,21.23; Röm 2,24).“

Was mich persönlich bei der Botschaft des Ökumenischen Christusdienstes getroffen hat, ist besonders diese letzte Aussage. Die Ursache der Weltkrise – all der Nöte, Ungerechtigkeiten, Probleme und Schrecklichkeiten in der Welt – haben ihre tiefste und eigentliche Ursache in der Schuld der Christenheit, dieses Zeugnis von der Liebe Gottes nicht darzustellen. Wenn das so ist, dann müssen all die vielen gut gemeinten und durchaus nötigen Bemühungen um Gerechtigkeit und Frieden in der Welt letztlich dennoch wirkungslos verpuffen oder zumindest ihr Ziel nicht ganz erreichen.

Deshalb ist die Tatsache, durch die Taufe mit seinem Namen und seinem Geist beschenkt, in den einen Leib Christi eingegliedert, mit guten Gaben beschenkt zu sein, dies alles aber auf verschiedenerlei Weise missachtet zu haben, Anlass zu tiefer Reue und Umkehr. In den Konfessionen haben wir jeweils „Bruchstücke des ganzen Reichtums Christi und rühmen uns noch dessen und spielen das Stückwerk gegeneinander aus: die einen das Amt gegen das Wort, die anderen das Wort gegen die Sakramente, wieder andere die Gaben gegen die Lehre – und dabei sind es doch alles Teile des Ganzen, mit denen wir einander dienen sollen (Röm 14,19; 15,2; 1Kor 12,25)… Nicht unsere Verschiedenheit ist unsere Schuld und Schmach, sondern unsere Getrenntheit voller Lieblosigkeit, Verachtung und Streit, und dass wir das nicht einmal als Schmerz empfinden, als Trübsal des Leibes Christi, an der wir alle leiden sollten (Kol 1,24)!“

In einer solchen Bußgesinnung zu leben, ist nicht nur Sache von Kirchenführern, Gemeindeleitern und Theologen. Durch das Gebet und das Opfer Jesu ist dies verpflichtend für jeden, „der Ihn nennt und kennt.“ Es gilt, das einegemeinsame Christusleben zu leben. Kennzeichen eines solchen Lebens der Liebe ist das Bleiben im gemeinsamen Leben mit dem dreieinigen Gott und den Geschwistern, wie es in Apg 2,42 grundlegend beschrieben ist: in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.

4. Heute noch aktuell?

Das Wissen um die besondere Stunde Gottes damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg könnte zu der Annahme verleiten, heute sei etwas Anderes wichtig. Doch die Erfüllung der Bitte Jesu um das Einssein seiner Jünger hat sich leider noch nicht sichtbar ereignet. Der sichtbaren und unsichtbaren Welt ist dieses Zeugnis noch vorenthalten. Deshalb ist das Leben im Sinne des Ökumenischen Christusdienstes weiterhin absolut notwendig. Die Kirchen sind durch ihre inzwischen fortschreitende Bedeutungslosigkeit für unsere Gesellschaft nicht mehr so gefragt wie damals. Dennoch haben wir als Christen zu den gravierenden Fragen und Problemen des Zusammenlebens der Menschen Entscheidendes zu sagen und vorzuleben. Nach wie vor gilt der Sendungsauftrag Jesu für die Christenheit.                                                                                           

Was beobachten wir heute in unserer Welt?

1. Altes ist vergangen, das Neue noch nicht da

„Welt im Umbruch – das Ende der Gewissheiten“ lautet der Titel einer Reihe von Artikeln, die seit einigen Monaten in der Augsburger bzw. Friedberger Allgemeinen erscheinen. „Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung“ heißt ein Bestseller unserer Tage. Darin werden verschiedene gravierende Krisen in Europa und den USA beschrieben und analysiert.

Nicht nur 9/11 mit den terroristischen Angriffen auf die Türme in Manhattan, New York, hat die Welt entscheidend verändert. Auch schon zuvor war durch den Fall der Mauer und den Zerfall der Sowjetunion und des ganzen kommunistischen Machtblocks eine völlig neue Situation entstanden. 

Inzwischen, im Zeichen einer Ballung vielfacher Krisen und Kriege, leben wir in einer Welt der Ungewissheiten. Sie wird verstärkt durch die Verwirrung in den Medien. Dort herrscht ein Kampf um die Deutungshoheit von Ereignissen, weit über parteipolitische Interessen hinaus.

Bevölkerungsexplosionen in afrikanischen und muslimischen Ländern verweisen auf weitere unüberschaubare Probleme.

Veränderungen bringen Unsicherheit mit sich. Das gilt auch innergesellschaftlich. „Eine flatterhafte Gesellschaft, die sich selbst beschleunigende Technik und die mit mathematischer Präzision voranschreitende Überalterung der Gesellschaft ergeben einen Problemcocktail, dessen Wirkung sich der Vorhersage entzieht.“1Gabor Steingart, Das Ende der Normalität, München 2012, S. 166.So beschreibt ein deutscher Journalist unsere Situation. 

Mit der Globalisierung und den rasanten technologischen Entwicklungen sind ganz neue Dimensionen eröffnet. Sie verändern tatsächlich weltweit bis in den Alltag hinein gravierend unser Leben. 

Vor allem die sich rapide entwickelnden Möglichkeiten der digitalen Kommunikation spielen dabei eine bedeutende Rolle, nicht zuletzt in der Flüchtlingskrise. Mit ihr und dem an vielen Orten neu erstarkenden Nationalbewusstsein – im Gegensatz zu übergeordneten politischen und gesellschaftlichen Einheiten – hat sich das alles noch deutlich verstärkt.

Auch das Selbstverständnis des Islam mit seinem Anspruch auf Weltherrschaft spielt dabei eine große Rolle.

Wir sind alle aufeinander angewiesen, weltweit, als die eine von Gott geliebte Menschheit. Wie kann das gelingen? Nicht zu vergessen ist hierbei der Umgang mit der Natur, der guten Schöpfung Gottes. Wir sind ja dabei, unwiederbringlich unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Es scheint eine Zwischenzeit oder Übergangszeit zu sein, in der wir momentan leben. „Das Gestern funktioniert nicht mehr und das Morgen ist noch nicht da. Weltunordnung. Es gibt nicht die eine geniale Lösung. Sozialforscher sprechen deshalb von überkomplexem Terrain, das mit altbewährten Methoden nicht mehr zu bewältigen ist.“ 2Freundesbrief Geistliche Gemeindeerneuerung (GGE) Deutschland, Nov. 2015, S.1.

Und in der Christenheit?

Fussnoten   [ + ]

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