Wahre und falsche Marienverehrung

Dies ist der 4. Artikel von 17 Artikeln zum Thema: Ökumenischer Christusdienst

Wahre und falsche Marienverehrung

Eugen Belz
Sehr geehrte Mitchristen!
Das Referat über wahre und falsche Marienverehrung fällt mir nicht leicht, weil ich das Empfinden habe, damit eine ernste Verantwortung vor Ihnen allen zu übernehmen und überhaupt vor meinen evangelischen und katholischen Mitchristen, allermeist aber vor Gott, dem Dreieinigen, und vor der Mutter des menschgewordenen Gottessohnes selbst.

Unser Thema setzt voraus, daß wir alle die Berechtigung wahrer Marienverehrung anerkennen und nur zwischen wahrer und falscher Verehrung der preiswürdigen Mutter unseres Herrn Jesu Christi unterscheiden wollen. Die Unerläßlichkeit solcher Unterscheidung lehrt uns die Heilige Schrift mit scharfen Worten an einem andern Fall, wo solche Verehrung von Menschen sogar ausdrücklich von Gott gefordert wird, nämlich bei dem Gebot: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, welchem noch die göttliche Verheißung hinzugefügt ist: „auf daß du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird“ 2.Mose 20,12 . Die heilsnotwendige Befolgung dieses Gottesgebotes hat der Heiland wiederholt nachdrücklich hervorgehoben (Mt. 15,4; 19,19; Mk. 7,10; 10,19; Lk. 18,20). Und doch spricht gerade Sein heiliger göttlicher Mund die furchtbaren Worte aus: „Wenn jemand zu Mir kommt, aber Vater und Mutter nicht haßt, so kann er Mein Jünger nicht sein“ (Lk. 14,26). Was mag den Herrn zu diesem entsetzlichen Ausspruch veranlaßt haben, welcher Gottes Gebot buchstäblich widerspricht? Gewiß nur die Tatsache, daß es auch eine falsche und heilsgefährliche Art der Elternehrung gibt, welche das Gottesgebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ aus seinem Zusammenhang mit dem ersten Gebot löst und selbständig macht, so daß hierdurch das erste Gebot vernachlässigt und vergessen wird.

Zuerst Gott und sein Wort.

Gott will die Verehrung der Eltern; aber nicht eine falsche Verehrung, welche Seiner Ehre Abbruch tut. Wo letzteres der Fall ist, kann die Heilung solcher Verirrung nur durch einen radikalen Schnitt gehen, welcher nach dem Wort des Herrn der Haßempfindung gleichkommen muß. St. Lukas ist es, welcher uns von den vier Evangelisten als einziger dieses furchtbare Heilandswort berichtet. Hierbei ist besonders zu beachten, daß wiederum Lukas uns neben dem vom Heiligen Geist inspirierten wunderschönen und wahren Gottesmutterbilde seines Evangeliums auch des Herrn Korrektur abwegiger Marienverehrung aufgezeichnet hat. Der Stimme aus dem Volke, welche (Lk. 11, 27) den Leib und die Mutterbrust Mariens selig preist, muß der Herr das „menun“ entgegenhalten. Eigenartigerweise übersetzt Luther dieses griechische Wort „menun“ hier bloß mit einem einfachen „ja, selig sind“ usw., während die römisch-katholischen Übersetzer P. Rießler und R. Storr den berichtigenden Sinn desselben deutlicher wiedergeben mit den Worten: „Im Gegenteil, selig sind, die Gottes Wort vernehmen und befolgen.“ Ebenso zeigt uns Lukas, wie der Heiland Seine Mutter und Seine Verwandten in Gegenwart des dichtgedrängten Volkes nicht dadurch ehrt und hervorhebt, daß Er sie als „solche“ begünstigt (siehe Lk. 8,19-21; Mk. 3,31-35; Mt. 12,46-50), sondern indem Er wieder zuerst Gott und Gottes Wort und die demselben Gehorsamen und damit auch im wahren Sinne Maria preist und ehrt mit den Worten: „Meine Mutter und Meine Brüder, das sind jene, die Gottes Wort vernehmen und auch danach handeln.“ Auffallend ist in diesen Berichten des Neuen Testaments, daß der Herr die Korrektur da vornimmt, wo die Hervorhebung Mariens öffentlich in der Volksmenge geschieht. Um alle falsche Huldigung des Volkes an Seine begnadete Mutter von vornherein zu verhindern und in die rechte Bahn zu leiten, lenkt der Heiland jede einseitige Marienverehrung sofort auf die Verherrlichung Gottes hin, denn nur so ist die wahre Marienverehrung möglich und recht, ja sogar in der Stille des priesterlichen Hauses mit lauter Stimme am Platze (Lk. 1,40-45) durch die vom Heiligen Geist inspirierten Worte Elisabeths: „Gebenedeit bist du unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! Und woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? … und o selig bist du, die du geglaubt hast, denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn!“

Die Heilige Schrift lehrt uns demnach unzweideutig, daß die von Gott gebotene Verehrung der Eltern sich nicht verselbständigen und dadurch zur Elternvergötterung werden darf; ferner, daß jede Marienverehrung, die sich vom Wort und Willen Gottes löst, zur einseitigen, einer Marienvergötterung ähnlichen Huldigung in der Volksmeinung führt. Sie lehrt uns aber auch andererseits, daß da, wo das erste Gebot der Ehre Gottes recht beachtet wird, dasselbe nicht allein bleibt, sondern auch zum Gebot der wahren Verehrung jener Menschen führt, welche Gottes Gnade erwählt und benützt hat, um uns „unser Leben“ zu vermitteln mit mancherlei stillen Opfern, von denen sie selbst kaum oder nie reden. Laßt uns bei der Heiligen Schrift bleiben, so werden wir nicht irren weder zur Rechten noch zur Linken! So heilsgefährlich die falsche Verehrung der Eltern und auch St. Mariens werden kann, so unvollkommen ist die Gottesverehrung und Christusverehrung, wenn ihr nicht auch die wahre Verehrung der Eltern, der begnadeten Mutter des Herrn und aller Apostel und Nachfolger des Heilandes unmittelbar folgt. Das demütige Festhalten am geschriebenen Gotteswort bewahrt uns vor allen Abwegen, es führt uns zum Dreieinigen Gott und in Ihm auch zueinander.

Sei gegrüßt, du Begnadete!

Auf diesem Wege ist es mir jetzt ein Herzensbedürfnis, die gebenedeite Mutter unseres und meines Herrn selig zu preisen mit allen Geschlechtern und meine Verehrung zu ihr mit den Worten der Botschaft Gottes durch den Engelfürsten Gabriel auszudrücken: „Chaire Kecharitomene! Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir, du Gesegnete unter den Frauen!“ (Lk. 1,28 nach Menge). Schon im Alten Bunde werden Engelserscheinungen mit Botschaften Gottes an Frauen berichtet, wie z. B. bei Hagar (1.Mose 16,7-13 und 1. Mose 21,17-18) oder bei der Mutter Simsons (Ri. 13,3-5); aber für die Mütter selbst enthalten sie neben Verhaltungsmaßregeln nur Ermutigungen, nicht aber wie bei Maria den persönlichen himmlischen Gruß und die besondere Ehrung im Auftrage Gottes. Deshalb erschrickt sie über diese Anrede mehr als über die Erscheinung, so daß es der nochmaligen Versicherung Gabriels bedarf: „Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden“ (Lk. 1,30), um dann nach dem Ratschluß und Willen Gottes ihre Erwählung zu vernehmen, die jungfräuliche Mutter des Sohnes Gottes, des Allerhöchsten, zu werden. – Die Herrlichkeit des Eingeborenen des Vaters, voll Gnade und Wahrheit, ist in ihr und durch sie Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (siehe Joh. 1,14). Er kam nicht als ein neuer und fertiger Mensch in die Welt wie einst Adam, ohne Zusammenhang mit dessen Nachkommen und ihrem Fleisch und Blut. Nein, Er wollte – und Gott nur weiß es warum – Er mußte zur Erlösung und Versöhnung der Menschen einer der ihrigen werden auf dem Wege der Geburt mittels einer jungfräulichen Tochter Adams und Evas, welche dadurch zum von Gott gebenedeiten Weibe unter allen Weibern wird, weil der Heilige Geist über sie kommt und der Schatten der Kraft des Allerhöchsten in ihrem reinen Leibe die Empfängnis wirkte, deren Wunder nur der völlige Glaube an Gottes Allmacht und Liebe fassen kann.

Mariens innerstes Vernehmen, Nachdenken, Bewahren (Lk 2,19 und Lk 2,51) und Befolgen des Wortes Gottes, ihre unbedingte Bereitschaft zur immerwährenden Ehre und Verherrlichung Gottes, welche sich von der wunderbaren Empfängnis an über den leidvollen Golgathaweg (Joh. 19,25), ungeachtet aller damit verbundenen Schmach und Schmerzen, bis in die gehorsam und vertrauensvoll wartende Schar der pfingstlichen Jüngergemeinde hinein (Apg. 1,4-5 und 14) kundtat, um mit diesem letzten Marienbericht des Evangelisten Lukas inmitten aller Betenden im Innern der Kirche Gottes in einmütigem und anhaltendem Flehen stille unseren Blicken zu entschwinden, dieses ihr innerstes Wesen trug allezeit den Charakter der wenigen und doch so vielsagenden Worte, die wir im Evangelium von ihr hören: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach deinem Wort“ (Lukas 1,38) „Hoch preist meine Seele den Herrn!“ (Lukas 1, 46) und „Tut alles, was Er euch sagt!“ (Joh. 2,5). Welch ein Vermächtnis hat sie uns mit dem letztgenannten Wort hinterlassen, das zugleich auch ihre letzte vernehmliche Stimme im Buche des Neuen Testaments ist!

Tut alles, was Er euch sagt!

So sehr ich die tiefernste Sorge vieler Mitchristen vor den abwegigen Gefahren möglicher neuer mariologischer Dogmen teile, im Blick auf die Art der Marienverehrung im katholischen Volk und im Blick auf den dadurch verschärften Protest anderer Christen, wodurch eine gottgefällige Verständigung im Geiste der Heiligen Schrift beiderseits fast unmöglich werden wird, so sehe ich doch von der Heiligen Schrift her eine schmale, aber von Gott gebaute, solide Brücke zu jenen Katholiken führen, welche von der dogmatischen Verankerung ihres Glaubens an Mariens leibliche Aufnahme in den Himmel, an ihre Mittlerschaft aller Gnaden und ihre Miterlöserschaft große Hoffnungen für Kirche und Welt erwarten. Die eigentliche Beweisführung jener Katholiken hiefür kenne ich zwar nicht. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments ist Maria aber zweifellos durch Gottes Barmherzigkeit und Erwählung und durch Seine Macht und Ehre die menschliche Mittelsperson, durch welche Gott, das Wort, Fleisch geworden ist, so daß Seine Herrlichkeit voll Gnade und Wahrheit auf diesem Wege den Menschen sichtbar und nahe werden konnte, ja, daß wir, wie St. Johannes sagt (Joh. 1, 16), aus Seiner Fülle Gnade über Gnade empfangen haben. Ob jener Glaube an Mariens Mittlerschaft aller Gnaden so gemeint ist? Dann könnte man ihn meines Erachtens auch als evangelischer Christ bejahen.

Die Frage wäre dann nur die, ob eine dogmatische Verankerung solchen Glaubens wirklich notwendig ist und ob es nicht besser wäre, weiterhin die neutestamentliche maßvolle Zurückhaltung zu bewahren, um einerseits beim katholischen Volk das große Mißverständnis zu verhindern, in Jesus Christus nur noch den beleidigten und erzürnten göttlichen Richter zu sehen, welcher durch die Vermittlung Mariens immer neu gnädig gestimmt werden muß, so daß die Eigenschaft der „Barmherzigkeit“ im gläubigen Volksdenken zuerst in Maria und nicht vor allem in Gott erblickt würde – und um andererseits die Kluft zwischen katholischer und evangelischer Gottesverehrung und Volksfrömmigkeit nicht fast ganz unüberwindlich zu machen. Gewiß ist nach der Lehre der Apostel der von Gott aus den Toten auferweckte Mann Jesus Christus auch der von Gott eingesetzte Richter der Lebendigen und der Toten (Apg. 10,42 und Apg.17,31), aber Er ist vor allem von den Aposteln als der Eine barmherzige Hohepriester und Mittler zwischen Gott und den Menschen gepredigt (Hebr. 2,17; 3,1; 4,14; 4,15; 9,11 und 12; Apg. 4,12; 10,43; Jak. 5,11; 1. Tim. 2,5-7), welcher sich selbst als Lösegeld für alle hingab und durch das Blut an Seinem Kreuz Frieden schaffte und alles mit Gott versöhnte, was auf Erden und im Himmel ist (Kol. 1,20). (Anm.d. Red.: Dieses hier einseitig gezeichnete Bild von Jesus als dem nur göttlichen Richter ist in der röm.-kath. Frömmigkeit der letzten Jahrzehnte so nicht mehr vorherrschend!).
Von Seiner Menschwerdung an bis zu Seiner Wiederkunft in Kraft und Herrlichkeit ist Jesus Christus nach der Heiligen Schrift die Offenbarung der Menschenfreundlichkeit und der Gnade und Liebe Gottes, dann aber wird Er der von Gott bestellte Richter sein.

Nicht einmal Johannes erwähnt Maria als „allgemeine Gnadenvermittlerin“, wenn er am Anfang seines Evangeliums den Empfang von Gnade über Gnade aus der Fülle (Joh. 1,16) des fleischgewordenen Wortes bezeugt. Er, der doch mit ihr durch die Worte des am Kreuze verblutenden Gottes- und Mariensohnes (Joh. 19,26 – 27) aufs allerinnigste verbunden wurde! Aber mehr und besser als wir kannte Johannes die stille Vermittlung und Mitwirkung Mariens! Das entnehmen wir seinem die andern Evangelien ergänzenden Bericht von der Hochzeit zu Kana, wo Maria unauffällig die Offenbarung der Herrlichkeit Jesu in Seiner ersten Wundertat beschleunigte, so daß Seine Jünger an Ihn glaubten. Es beeindruckt mich dort tief, wie Maria nach ihrem bittenden Dazwischentreten (Joh. 2,3 und 4) das sehr abweisend sich anhörende Zögern des Heilandes so schnell überwindet durch ihr Ihm gänzlich ergebenes, grenzenloses und unerschütterliches Vertrauen, welches sich nicht schöner hätte äußern können als mit ihren Worten an die Diener: „Tut alles, was Er euch sagen mag!“ (Joh. 2,6).

Stilles Mitwirken an der Erlösung.

Wenn ich die Mariengestalt des Neuen Testaments sinnend betrachte, so muß ich mich fragen: Hat nicht dieses völlige Gottvertrauen der „Magd des Herrn“, verbunden mit bedingungsloser Bereitschaft zur Befolgung Seines Wortes, doch mitgewirkt, die Grundlage zu schaffen, auf welcher die Erlösung der Menschen durch den göttlichen Retter Jesus Christus möglich wurde, und ist Maria dadurch nicht in einen beachtenswerten Zusammenhang mit der Erlösung gekommen, daß man in dieser Hinsicht von einer Miterlöserschaft reden darf, ja vielleicht heute im 20. Jahrhundert n. Chr. sogar klar reden muß? Nicht etwa deswegen, um Maria nachträglich eine Verherrlichung zukommen zu lassen, welche von den Aposteln im Neuen Testament nur ungenügend bezeugt wurde, sondern um dem freiheitsdurstigen und dabei in immer tiefere Knechtschaft und Gottesferne geratenden Geschlecht unserer Tage den Heilsweg Gottes zu zeigen, der die rettende und freimachende Gottesgnade in Jesus Christus nur in solchen Menschen offenbar und wirksam machen kann, die Gottes Botschaft so vertrauensvoll und folgewillig vernehmen wie die demütige „Magd des Herrn“ mit den Worten: „Mir geschehe, wie Du gesagt hast!“

Auch für die Menschen des 20. Jahrhunderts ist Gottes erlösende Gnade immer noch überreichlich vorhanden, aber sie kann nicht wirksam werden in der Welt, wenn wir Menschen nicht wie Maria und mit Maria dem Worte Gottes absolut vertrauen und bedingungslos untertan und folgebereit sind. Treffend gibt die Übersetzung von Rießler und Storr die bereits anfangs erwähnte Begebenheit im Evangelium Mk. 3,31-35 wieder: „Da kamen Seine Mutter und Seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen Ihn zu sich herausrufen. Eine große Menge saß um Ihn herum; da sagte man zu Ihm: “Siehe, Deine Mutter, Deine Brüder (und Deine Schwestern) suchen Dich draußen!” Doch Er sprach zu ihnen: “Wer ist denn Meine Mutter, wer sind denn Meine Brüder?” Dann sah Er alle, die im Kreise um Ihn saßen, einen nach dem andern an und sprach: “Seht, hier sind Meine Mutter und Meine Brüder! Denn wer den Willen Gottes tut, der ist Mir Bruder, Schwester, Mutter!” Die Menge wußte damals nicht um das heilige Herzensgeheimnis Mariens, aber besser hätte der Heiland Gottes Ehre und Mariens wahre Ehre nicht kundmachen können als mit diesen Worten.

Wenn die zahlreichen Marienerscheinungen unserer Tage und der Glaube an die allgemeine Gnadenvermittlung und Miterlöserschaft der Gottesmutter in dieser Richtung gedeutet werden und bei unsern katholischen Mitchristen dahin führen, daß mit der wahren Marienverehrung nicht der Marienkult, sondern das „Gott verherrlichende“ Marienherz in den Menschen wieder mehr Raum findet, so hat die erlösende und versöhnende Gnade unseres Herrn Jesu Christi die rechte Eingangstüre, um den Menschen unserer Tage nahe zu kommen und auch die unglückselige Spaltung der Christenheit zu heilen. Die begnadete Maria des Neuen Testaments versteht den Protest der evangelischen Christen, wo dieser wirklich um die Ehre Gottes geht.

Wahre Gottesehre und wahre Menschenehre.

Nur so wird das Gotteswunder der Wandlung unseres Wassers in den edlen Wein bald möglich! Nur auf diesem Wege kommt Gottes Heil in unsere irdischen Verhältnisse herein und bereitet uns zur geistleiblichen Verklärung des Gottesreiches. Wo dieser Heilsweg Gottes nicht angenommen und im Glauben beschritten wird, wartet nur noch Gottes Gericht, weil man dann nicht nur die Ehre Gottes, sondern mit derselben auch die wahre Ehre des Menschen verachtet, der zum Bilde Gottes geschaffen und erlöst ist. Leben wir nicht in einer Zeit, wo die breite Öffentlichkeit daran ist, mit der vielfach schon vergessenen oder zertretenen Ehre Gottes zwangsläufig auch die Ehre des Menschen und überhaupt alle Ehrfurcht im Kot der Erde zu verlieren? Die rechte Erkenntnis des Heilsweges Gottes, wie dieser im Neuen Testament bezeugt ist, bringt die wahre Hilfe und stellt die Verherrlichung Gottes und Seines Christus wieder her und mit dieser auch die wahre Marienverehrung und die rechte gottgewollte Menschenehre.
Vieles wäre wohl noch zu sagen und zu ergänzen, aber es würde zu weit führen. Den in der katholischen Christenheit weitverbreiteten Glauben an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel kann ich nur kurz erwähnen, weil die Heilige Schrift hierüber schweigt. Allerdings schweigt sie nicht von der lebendigen Glaubenshoffnung wahrer Christen, daß „der Herr Jesus Christus unseren armseligen Leib verwandeln und Seinem verklärten Leibe gleichgestalten wird mit der Macht, womit Er auch alles Sich unterwerfen kann“ (Phil. 3,21), und daß „dies Verwesliche Unverweslichkeit anziehen muß und dieses Sterbliche Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche die Unverweslichkeit angezogen hat und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit, dann geht das Schriftwort in Erfüllung: „Verschlungen ist der Tod im Sieg!“ (1.Kor. 15,53.54). Auch spricht Johannes in der Offb. 20,6) die denkwürdigen Worte aus: „Selig und heilig, wer an der ersten Auferstehung teilhat!“ Ebenso merkwürdig ist die Antwort Jesu an Martha, die Schwester des Lazarus, auf deren Worte: „Ich weiß es, daß mein Bruder auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage“, worauf der Herr ihr entgegnet: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er schon gestorben ist!“ (Joh. 11,23-27) Mehr möchte ich davon nicht sagen. Wenn meine mangelhafte Darstellung zu einer Anregung wird bei aller Sorge um einander, ein immer gottesfürchtigeres und ehrfürchtigeres Verständnis füreinander hüben und drüben zu finden, vom Wort und Geist der Heiligen Schrift her, so ist sie mit Gottes Hilfe wohl geraten.

Lassen Sie mich mit einigen Worten des Neuen Testaments schließen, bei denen mir so selig zumute ist:

Christus spricht: „Himmel und Erde werden vergehen, doch Meine Worte werden nicht vergehen“ (Lukas 21,33).
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch Mich!“ (Joh. 14,6)
Petrus bezeugt, erfüllt vom Heiligen Geist: „In keinem andern gibt es Rettung, denn es gibt keinen andern Namen unterm Himmel, der uns Menschen gegeben wäre, in dem wir selig werden müssen, denn den Namen Jesus Christus!” (Apg. 4,12)
Maria mahnt uns kurz: „Tut alles, was Er euch sagt!“ (Joh. 2,5)
Und ich möchte hinzufügen: „Alles zur größeren Ehre Gottes!“

Lobgesang der Kirche.

Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
denn Er hat die Niedrigkeit Seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter;
denn Er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und des Name heilig ist.
Und Seine Barmherzigkeit währet immer für und für
bei denen, die Ihn fürchten.
Er übet Gewalt mit Seinem Arm und zerstreuet
die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllet Er mit Gütern und läßt die Reichen leer.
Er denket der Barmherzigkeit und hilft Seinem Diener Israel auf,
wie Er geredet hat unsern Vätern,
Abraham und seinem Samen ewiglich!“
(Luk. 1,46-55)

martin_lutherEs kann niemand jemals Gott loben, wenn er ihn nicht zuvor lieb hat; ebenso kann niemand Gott lieben, wenn Gott ihm nicht aufs liebevollste und allerbeste bekannt wird. Durch nichts aber kann er so bekannt werden als durch seine Werke, die an uns geoffenbart, gefühlt und erfahren werden; wo aber erfahren wird, wie er ein solcher Gott ist, der in die Tiefe sieht und nur den Armen, Verachteten, Elenden, Jammervollen, Verlassenen hilft und denen, die gar nichts sind, da wird er einem so herzlich lieb, da geht das Herz über vor Freude, hüpft und springt vor großem Wohlgefallen, das es in Gott bekommen hat. Und da ist dann der Heilige Geist; denn er hat solch überschwengliche Kenntnis und Lust in einem Augenblick der Erfahrung gelehrt.
Es ist also kein Menschenwerk, Gott mit Freuden zu loben. Es ist mehr ein fröhliches Erleiden und allein ein Gotteswerk, das sich mit Worten nicht lehren, sondern nur durch eigene Erfahrung kennenlernen läßt. Schmecket und sehet, wie süß Gott der Herr ist; selig ist der Mensch, der ihm trauet (Ps 34,9).

Martin Luther
(Aus: Das Magnifikat, verdeutscht und ausgelegt durch D.Martin Luther, 1521)

Als Maria den Sohn Gottes empfangen hat, singt sie das “Magnifikat”. Die Kirche hat dieses Lied der Maria zu ihrem täglichen Liede gemacht. Worüber freut sich Maria, als sie den Lobgesang anstimmt? Darüber, daß die Geschichte Abrahams ihre Erfüllung gefunden hat, darüber, daß die Geschichte nun kein Torso mehr ist, darüber, daß Gott wahrhaftig ist und allen vorherigen Geschlechtern nicht gelogen hat.
Aber was besingt die Kirche, wenn sie täglich diesen Lobgesang wiederholt? Die Kirche, welche täglich das Magnifikat singt und betet, meint sich selber, da sie bis zum Jüngsten Tage die arme Magd ihres Herrn bleibt. Niemand kann das Magnifikat verstehen, der es nicht als den Lobgesang der Kirche versteht, denn nie hört die Freude auf, mit welcher Maria den Herrn lobt.
Hans Asmussen (1889 – 1968)
(Erster luth. Pastor, der 1933 vom nationalsozialistischen Regime aus dem Amt entfernt wurde; führende Mitarbeit in der Bekennenden Kirche)

Artikel in dieser Serie← Selbstverpflichtung zur Einheit ← Vorheriger ArtikelNächster Artikel → Benedikt XVI über die Heiligkeit der Kirche →