Ökumenischer Christusdienst
 

Hoffnung leben!

Hoffnung

Inhalt
Thema Autor Datum
Hoffnung empfangen Michael Decker 02/10
Hoffnung erkennen Karin Baltruschat 02/10
Hoffnung wagen Andrew White 02/10
Hoffnung gestalten Michael Decker 02/10
Martin Luther Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.

Martin Luther

 

Hoffnung empfangen

„Hoffentlich..." - sagen wir mehrmals jeden Tag. „Hoffentlich geht es dir gut!" - „Hoffentlich bleibt sie gesund!" - „Hoffentlich hört es bald auf!" ... Das sagt sich schnell dahin. Im Inneren bewegt uns dabei aber die Kraft, die unsere Lebensspannung erhält. Denn wir wissen (auch unbewusst): Wer die Hoffnung bewahrt, besteht die Gegenwart und gewinnt die Zukunft. Dagegen: Wer die Hoffnung verliert, versäumt die Gegenwart und gibt die Zukunft preis. Hoffen hieß früher „hopen" und drückt sich darin aus, dass jemand erwartungsvoll hüpft und zappelt. Er springt unruhig hin und her. Er kann Hände, Füße und Mund nicht still halten oder kreist zumindest in Gedanken um ein zukünftiges Ereignis oder einen Umstand, den er sich herbei wünscht. Der Hoffnung verwandt und doch von ihr unterschieden ist die „Sehnsucht". Das deutsche Wort Sehnsucht lässt sich kaum in andere Sprachen übersetzen. Es erinnert an die ‘Sehne’, die im Fußgelenk gespannt ist, wenn ein Mensch zum Sprung ansetzt. Oder es lässt an den Pfeil denken, der nur von einer straffen Bogensehne abgeschossen werden kann. Sehnsucht ist also inneres Gespanntsein. Sprungbereit wartet jemand darauf, das zu erreichen oder zu ergreifen, worauf sein stärkstes Verlangen zielt. Das Wort ‘Sucht’ in Sehnsucht bedeutet ‘siech’ und ‘krank’ sein. Wenn das Verlangen sich so steigert, dass Leib und Seele weh tun, können wir den starken Schmerz darüber spüren, dass die Liebe noch nicht erfüllt und das Leben noch nicht vollendet ist. Mit allen Menschen teilen wir die Kraft und Erfahrung der Sehnsucht. Wie aber stehen Sehnsucht und Hoffnung zueinander? Sehnsucht kennen alle, aber Hoffnung im tieferen und christlichen Sinn wohl nicht. Der Apostel Paulus zeigt auf den weitesten Horizont, der möglich ist. Er spricht von der Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi (Röm 5,5). Diese Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. Mit ihr sind wir nicht auf dem Holzweg (Klaus Berger); sie lässt uns nicht beschämt im Regen stehen (Roland Werner). Die Hoffnung auf den wiederkommenden Christus wird von Gott geschenkt. Wer sie empfängt, gewinnt in seinem Herzen eine frohe Gewissheit. Jede menschliche Sehnsucht kann darin einen Raum und ihr Ziel finden. Um das Wunder des Erkennens dieser Hoffnung betet der Apostel: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid (Eph 1,18).
Michael Decker 

Hoffnung erkennen

Hoffnung ist –
„-die Erwartung der göttlichen Wiederherstellung des Menschenlebens
– die Erwartung einer weltumfassenden Gotteshilfe
– die Klarheit über das Endziel der Geschichte
– die Erwartung der Wiederkunft Christi
– der zureichende Schutz gegen die schwersten Angriffe."

So gliedert Ralf Luther in seinem neutestamentlichen Wörterbuch den Artikel „Hoffnung".

Er spricht mich an, ich halte ihn für zutreffend und freue mich, dass es hier gelungen ist, eine geistliche Wahrheit knapp, umfassend und trotzdem klar auszudrücken. Aber kurz danach gehe ich zur Tagesordnung über, das Gelesene oder Gehörte wird vergessen, anderes wird wichtig. Ich hatte es nur mit dem Kopf verstanden; es ist nicht tiefer gesunken, hat sich nicht in mir eingewurzelt, mir keine konkreten Schritte eröffnet und damit hat dieses Wissen mich, bzw. mein Leben nicht verändert. Gehen wir nicht oft so mit geistlichen Wahrheiten um, gerade dann, wenn wir schon länger im Glauben leben? Wie kann unser Erkennen tiefer werden, unser Herz berührt werden? Wie können wir erleuchtete Augen des Herzens bekommen, mit unserem ganzen Sein, unserer ganzen Person erkennen, zu welcher Hoffnung wir von ihm berufen sind (Eph 1,18)? Wenn das geschehen würde, müsste in uns etwas erfahrbar werden. Eine innere Gelassenheit, Frieden und Zuversicht müsste von uns ausgehen. Merken wir selbst oder Menschen, die uns gut kennen, etwas davon? Wenn wir von Ralf Luthers Beschreibung der christlichen Hoffnung ausgehen, kann jeder selbst überprüfen, was in ihm lebt. Kommt es nicht immer wieder vor, dass – manche Menschen uns so aufregen, dass wir einfach nicht mit ihnen zurechtkommen, – wir mehr frustriert sind über manche Zustände unserer großen und kleinen Welt als hoffnungsvoll und dazu die Angst kommt, was noch alles passieren könnte, – die innere Gelassenheit darüber, dass Christus wiederkommen und alles richten wird, nicht im Vordergrund unseres Redens, Lebens und Denkens steht, – persönliche Tiefen und Krisen uns stark entmutigen? Wir dürfen innere Dunkelheiten, die uns die Hoffnung trüben oder gar rauben wollen, immer wieder neu zu Gott bringen, der sie erleuchten will. Diese Dunkelheiten, die oft tiefer gründen, prägen jedoch unsere Beziehung zu anderen Menschen. Nicht das, was im Kopf vor sich geht, was wir denken und für richtig halten, berührt unsere Mitmenschen, sondern das, was in unserem Herzen lebt, was aus den tieferen Schichten unserer Persönlichkeit kommt. Hier kann man sich über sich selbst täuschen, denn Selbstwahrnehmung ist schwierig, die anderen merken da meist mehr als ich. Wohl dem, der Menschen an der Seite hat, die ihm ehrlich rückmelden, wie er wirkt. Aber es wünscht sich doch jeder von uns, hier weiterzukommen, unsere und die Zukunft unserer Welt mit erleuchteten Augen des Herzens zu sehen, zuversichtlich, froh und geborgen auf Ihn zu schauen und zu warten, der alles zurecht bringen wird.

Der Weg vom Kopf ins Herz

Welche Schritte helfen dabei weiter, worin besteht ein gangbarer, praktischer Weg, auf dem etwas von dieser Haltung in und an uns sichtbar wird? Eine große Ermutigung ist, dass Jesus selber für uns gebetet hat. In Joh 17, dem Hohepriesterlichen Gebet, zeigt er seinen letzten Willen, sein Testament. Es geht ihm um das Geheimnis des Einswerdens. Ich bitte, ... dass sie alle eins seien. Wie du Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast (Vers 20 und 21). Jesus möchte, dass wir genauso eng mit ihm verbunden sind, wie er mit dem Vater ist. Dieses Einswerden hat er vorher auch im Bild vom Weinstock erklärt: Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht (Joh 15,5). Wie kann dieses Einswerden wachsen? „Im Anschaun seines Bildes, da werden wir verwandelt in sein Bild", heißt es in einem Lied, das den Weg andeutet. Das, was wir anschaun, womit wir uns hauptsächlich beschäftigen, das verwandelt uns, das prägt uns. Wo, wie oft oder wie lange lassen wir uns darauf ein, Gott anzuschaun in unserem Gebet? Wie lange halten wir bei ihm aus, über einem Wort, über einem biblischen Bild oder im stillen Da-Sein (Kontemplation)? „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verkosten der Dinge von innen her", sagt ein Lehrer des Betens. Wie kann ich so verkosten, dass meine Seele gesättigt wird, dass die Hoffnung, zu der wir berufen sind, wirklich in meinem Herzen ankommt? Ein eindrückliches Beispiel für dieses Verkosten, das verändernde Kraft hat, ist das Bild vom Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Kann ich mir diesen Vater vor meinem inneren Auge vorstellen, wie er Ausschau nach mir hält, wie er jeden Tag auf mich wartet, mich erwartet und wie er dann losläuft mit ausgebreiteten Armen, um mich an sein Herz zu drücken? Halten Sie ruhig mal inne, werden Sie still vor Gott und stellen Sie sich diese Situation vor, bis Sie das mit den Augen des Herzens sehen und im Glauben annehmen können! Dieser Vater verhält sich nicht nur mir gegenüber so, sondern er wartet auf jeden Menschen, ja auf die ganze Welt, um sie genauso aufzunehmen. Wenn ich den Vater in dieser Weise mit dem Herzen erkenne, wachsen in mir Hoffnung und Vertrauen. Meine Dunkelheiten lösen sich bei Ihm auf, meine innere Härte, meine Hoffnungslosigkeit und ich kann Frieden finden bei ihm, in seiner Gegenwart. Dann kann auch Ralf Luthers Beschreibung christlicher Hoffnung in mir lebendiger werden. Solch eine geistliche Übung ist natürlich kein schnelles Allheilmittel, sondern will erlernt, geübt und immer wieder vertieft werden. Menschen, deren Innerstes so bei Gott gestillt wird, verändern sich nach und nach. Sie wachsen immer mehr in die Haltung des Vaters hinein, in dessen Arme sie sich flüchten: aufgeschlossen, offen, der Welt die offenen Arme und damit ihr Herz hinhaltend, damit die Welt glaube (Joh 17,21). So kann ein Weg aussehen, auf dem die Augen des Herzens erleuchtet werden: den Vater, Jesus anschauen, in mich aufnehmen, damit ich auch so werde wie er, auf den ich schaue. Auch wenn ich weiß, dass wir erst in der Ewigkeit ihm wirklich gleich sein werden (1Joh 3,2), möchte ich doch schon jetzt, soweit es an mir liegt, wachsen in allen Stücken, zu dem hin, der das Haupt ist, Christus (Eph 4,15) und das deshalb zu einer Priorität in meinem Leben machen, ihn anzuschaun.
Karin Baltruschat

Hoffnung wagen

C.Andrew White, Jahrgang 1964, ist anglikanischer Pfarrer und Arzt. Lange wirkte er an der Kathedrale von Coventry. Seit dem Ende des Irakkriegs engagiert er sich trotz seiner schweren Multiple-Sklerose-Erkrankung in Bagdad. Hinter den Kulissen übt er eine Friedensmission, die verfeindete Menschen in Verbindung bringt. Täglich setzt er in der Hoffnung auf Versöhnung sein Leben aufs Spiel.

Andrew White

siehe auch hier


Wenn um einen herum der Krieg tobt, kann Friedensarbeit ungeheuer aufreibend sein. Dies ist nicht die Art Arbeit, wo man den Menschen sagen kann: „Kommen Sie morgen wieder." Oft muss sofort gehandelt werden, etwa wenn eine Moschee oder Kirche in die Luft geflogen ist, wenn die nächsten Geiselnehmer zugeschlagen haben oder wieder ein Kollege ums Leben gekommen ist. Mehr als einmal habe ich in Bagdad mit meinen Kollegen zusammengesessen und über die nächste Hiobsbotschaft oder Todesnachricht geweint. Wenn man umsonst versucht hat, die Katastrophe zu verhindern, tut es ungeheuer weh.

Aber wir haben auch Augenblicke überschwänglicher Freude erlebt.
Die Suche nach Frieden inmitten der Gewalt ist ein riskanter Job. Manchmal ist er so riskant, dass nur sehr wenige ihn tun können. Nichts ist sicher - außer dass jemand den Job machen muss. Wir müssen uns darüber klar sein, dass diese Arbeit sehr, sehr lange braucht und dass wir nie aufgeben dürfen. Hier im Irak ist man in dieser Arbeit oft sehr einsam und unverstanden. In manchen Zeiten wünsche ich mir, einen anderen Auftrag zu haben - aber dann wird ein kleines Licht im Tunnel sichtbar: Ein sunnitischer und schiitischer Geistlicher essen gemeinsam oder eine Geisel kommt frei, und ich kann wieder hoffen.
Diese Hoffnung ist oft viel mehr theologisch als politisch. Die irakische Politik bietet häufig sehr wenig Grund zu Optimismus, aber dann bricht ganz unerwartet die Auferstehungshoffnung durch. Ich denke hier an Tage, wo alles schwarz zu sein schien; dann ging ich im Geiste zum leeren Grab Christi und blieb davor stehen - und dieses Grab wurde mein Hoffnungszeichen. Wir holen Luft und fassen Mut. Der Geist und die Herrlichkeit und die Engel Gottes sind hier und erfüllen die Atmosphäre mit seiner Gegenwart. Er ist in unserer Welt am Werk, und ich glaube, dass der Nahe und Mittlere Osten im Zentrum seiner Pläne steht. Je mehr ich in dieser Region arbeite, umso mehr sehe ich, dass Gott im Regiment sitzt. Ich habe das selber erfahren. Von mir aus kann ich nichts tun, aber Gott kann alles tun. Ich habe gelernt: Was in der materiellen Welt geschieht, ist oft nur ein sichtbarer Ausdruck von dem, was in der spirituellen Welt geschieht. Wenn Sie mich vor ein paar Jahren gefragt hätten, was das Wesen des Friedensstifters ist, hätte ich Ihnen eine lange und weitschweifige Antwort gegeben. Heute würde ich nur ein Wort sagen: Liebe. Es ist Liebe, die uns in den Stand setzt zu vergeben, und Vergeben ist das Einzige, was verhindern kann, dass die Wunden der Vergangenheit die Zukunft bestimmen. Jesus hat uns geboten, unsere Feinde zu lieben, aber meistens mögen wir sie noch nicht einmal. Ich muss viel Zeit mit Menschen verbringen, die mir zuwider sind, und bevor ich zu ihnen gehe, bete ich immer ganz einfach: „Herr, hilf mir, sie zu lieben!" Wenn es einen Bibelabschnitt gibt, der eine Art Rezept für meine Arbeit ist, dann wohl Römer 12,9-21: ... Vergeltet niemals Unrecht mit neuem Unrecht. Euer Verhalten soll bei allen Menschen als ehrbar gelten. Soweit es irgend möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden. Liebe Freunde, verschafft euch nicht selbst Recht. Überlasst vielmehr Gott das Urteil...
Es gibt Zeiten, wo das Lieben Schwerarbeit ist. Manchmal koche ich innerlich, wenn ich mich zu einem Gespräch begebe, aber ich weiß auch: Wenn sich überhaupt etwas bewegen soll, dann muss ich diese Wut ablegen und lieben. Wenn ich mit Terroristen verhandle, ist mir klar, dass sie etwas von mir wollen, aber oft kann ich ihnen nichts bieten außer Liebe. Doch diese Liebe weitergeben heißt Jesus weitergeben. Und so lieben, lieben und lieben und beten, beten und beten, hoffen, hoffen und hoffen wir, dass die Dinge sich bewegen und Änderung möglich wird - durch die Herrlichkeit Gottes.
(Mit freundlicher Genehmigung des Brunnen Verlags Gießen aus: Andrew White, Der Pfarrer von Bagdad, Gießen 2009)


White, Andrew
Der Pfarrer von Bagdad
Ein Leben für den Frieden
Erscheinungsdatum: 19.08.2009
ISBN 13: 978-3-7655-1727-3
Bestell-Nr.: 111727
EUR 12,95
Brunnen-Verlag
PfarrervonBagdad

Hoffnung gestalten

Comenius
In der Notzeit des Dreißigjährigen Krieges vertrat Johann Amos Comenius, der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts und Bischof der sterbenden Brüderkirche, bereits den modernen ökumenischen Gedanken. Comenius beklagte die Aufsplitterung der Christen in Konfessionen, Meinungen und Riten und hielt auch die Reformation für noch unabgeschlossen, weil sie die Menschen noch nicht genügend auf ein Leben in den Fußspuren Jesu geführt habe. - In der Kirchengeschichte hat die Person und ihr Wirken helle Hoffnungszeichen gesetzt, an die wir gerne erinnern.

siehe auch hier

Allumfassendes Denken

Seine ganze Schaffenskraft setzte Comenius in den Versuch, Auswege aus dem „Labyrinth der Welt" zu finden. Unermüdlich dachte er darüber nach, wie Kinder gelehrt und erzogen werden müssten. Nicht derjenige galt ihm als gebildet, der sich in möglichst vielen Teilbereichen gut auskannte. Comenius lehnte die übliche Aufhäufung von Wissen ab. Er wollte Menschen heranbilden, die die Seele der Dinge, ihre innere Ordnung, ihren Zusammenhang mit dem Ganzen der Schöpfung begriffen. Es kam ihm darauf an, mit seinen Schülern überall in Natur, Geschichte, Gemeinwesen oder Kunst die Spuren Gottes zu entdecken. Er wusste um die unauflösliche Einheit Gottes mit seiner Schöpfung, mit Menschheit und Welt. Die Kinder sollten beobachten lernen und vom Kleinen zum Großen, von unten nach oben, vom Teil zum Ganzen vorwärtsschreiten. Statt um Allwissenheit ging es ihm um das Wissen vom All und dem All-Einen.
Comenius nahm sich zuerst des Sprachunterrichts an. Er gab ein neues Lehrbuch heraus, mit dem lateinische Wörter nicht wahllos eingepaukt, sondern sinnvoll gelernt wurden. Jedes Wort wurde in ein Umfeld praktischer Lebenszusammenhänge gestellt. Mit dem Lernen der Sprache wurden zugleich naturwissenschaftliche Einsichten und geschichtliche Kenntnisse vermittelt. Als später noch die von Comenius selbst gemalten Illustrationen dazukamen, entstand in der Schulstube ein Weltbild, aus dem die göttliche Ordnung aller Dinge erkennbar wurde. Comenius schöpfte dabei sein Wissen aus drei Quellen: Aus dem Buch der Bibel, der Offenbarung des heiligen Willens Gottes; aus dem Buch der Natur, d.h. aus der Welt als dem Schauplatz der Wirksamkeit Gottes; und aus dem Buch der Vernunft, in dem der denkende, glaubende und durch Leiden geläuterte Geist des Menschen die Wahrheit erkennt. Jedes Buch wird jeweils nur durch das andere verständlich, zusammen bilden sie die Bücher des Ganzen. Um darin zu lesen, braucht der Mensch die geöffneten Augen des Glaubens, der Sinne und des Verstandes. So sah sich Comenius aufgerufen, seine Schüler das Ganze von Grund auf gründlich zu lehren, um dabei die Grundlage zu einer Verbesserung und Erneuerung aller kirchlichen, sozialen und politischen Lebensformen zu schaffen. Diese Art der Weltsicht nannte Comenius „ganzheitlich allumfassendes Denken"; damit wollte er allen Menschen zeigen, dass Gottes Weisheit alle Dinge trägt. Gott hat den Menschen zum Bewunderer seiner Weisheit bestimmt, und er schenkt ihm selbst Weisheit, ohne die der Mensch verlorengeht.


Gewalt sei ferne den Dingen - Alles fließe von selbst

Die Glieder der Brüderunität konnten dem umfassenden Denken ihres Seniors oft nicht folgen. Stand er nicht in der Gefahr, sich in pädagogischen Allmachtsphantasien zu verlieren, während es den Menschen um das nackte Überleben ging? Wenn die Erwachsenen ihn nicht verstehen wollten, schrieb Comenius unter seine Briefe 'Der Apostel des Kleinvolks'. Oft ließen ihn seine Brüder nur gewähren, weil er bei Fürsten und Königen Eingang fand und immer wieder hohe Geldsummen beibrachte, die er uneigennützig unter den Notleidenden der Gemeinden verteilte. Trotz aller Kriegswirren, Rückschläge und Verluste bewahrte sich Comenius ein biblisch gegründetes Verständnis der Erlösung. Er unterstrich, anders als Luther vor ihm, weniger das Sündersein des Menschen, dem durch das Kreuz Jesu die Rechtfertigung vor Gott verheißen ist. Comenius betonte mehr die Gottebenbildlichkeit des Menschen, die Christus durch seine Auferstehung tatsächlich wiederhergestellt hat. Die ganze Schöpfung, die von Gott her kommt und von ihm erhalten wird, kehrt auch zu ihm zurück. Diesem Ziel muss sich der Mensch entgegenstrecken. Comenius wanderte mit seinen Schülern durch die ganze Gotteswelt und spürte dem Geist nach, der von dem Einen kommt, durch das All geht und zu dem Einen zurückkehrt. Wem sich diese unaufhörliche Bewegung erschließt, für den muss alles Überflüssige abfallen, nur das Notwendige soll er lernen und behalten. Auf diese Weise gewinnt er Freiheit und Demut. Wer so lernt, tut es aus eigenem Antrieb; alles fließt von selbst, wenn es ohne Gewalt gehen darf. So lehrte Comenius: 'Die Welt wird vom Überflüssigen erdrückt. Wenn die Seele mit sich eins wird, braucht sie auch nur eines. Die alleinige Ursache aller Verlegenheit in der Welt ist die, dass die Menschen nicht zwischen Notwendigem und Überflüssigem zu unterscheiden lernen. Darum verwickeln und verwirren sie sich ohne Ende. In jedem Ding suche man das eine Notwendige: Das ist der einzige Ausweg aus dem Labyrinth der Welt.'

Testament einer sterbenden Mutter

Zeitlebens blieb Comenius von dieser Hoffnung erfüllt, die Schöpfung würde auf eine neue Erde und einen neuen Himmel zueilen. Aber im Lauf der Jahrzehnte ahnte er immer mehr, dass der geradlinige Weg über die Erziehung nur modellhaft geschenkt würde. Comenius hätte so gerne eine Atlantische Gesellschaft gesammelt, einen Bruderbund über alle nationalen und konfessionellen Grenzen hinweg, in dem sich Menschen miteinander verbanden, die alle Dinge und Ereignisse mit den Augen Gottes betrachten würden. Er wollte dabei aber weder eine ideale Gesellschaft noch ein irdisches Paradies bauen, sondern er wollte Ruhe schaffen, damit die Stimme Gottes gehört werden konnte. Doch er musste erkennen, dass das Neue nicht aus dem besten Streben des Menschen, sondern aus dem Sterben des Alten erwachsen würde. Sein eigenes Leben war ein fortwährendes Loslassen und Sterben gewesen. Gerade auf diesem Leidensweg lernte er für sich persönlich, was die Brüderunität immer wieder erfahren hatte: Auch das Leiden kann Gott dazu dienen, die Menschen für seine Absichten zu erziehen und zu formen.

Als durch die unglücklichen Friedensverhandlungen von Münster endgültig klar wurde, dass Comenius der letzte Bischof der Brüderkirche war, schrieb er im Jahr 1650 sein berühmtes Buch 'Vermächtnis der sterbenden Mutter der Brüderunität'. Gerade in dieser Schicksalsstunde sollte der Apostel des Kleinvolks auch zum Apostel der Großen werden.
Die Kirche Christi ist zum Weizenkorn bestimmt; die Bruderkirche war ein Weizenkorn, das sterben musste, um Frucht zu bringen. Auf ihrem Leidensweg war sie dazu vorbereitet worden. In allem hatte sie ihre Pflicht darin gesehen, die Herrschaft Christi zu erwarten und selbst Christi Zeuge zu sein. Dabei wollten die Brüder, anders als die übrigen Konfessionen, nie herrschen, weder durch Lehre noch durch äußere Ordnungen. Schon die Gründerväter der Unität hatten erkannt, dass sie um das Reich Gottes nicht kämpfen dürften, sondern sich opfern mussten. Comenius war in diese Sukzession getreten. Er hatte sich nie zu dogmatischen Streitigkeiten hinreißen lassen. Wo er konnte, durchbrach er die Schranken der Konfessionen und betonte unermüdlich, dass es nur eine heilige Kirche gibt. Er erkannte, dass die Konfessionen immer nur Menschenwerk bleiben, und er wollte verhindern helfen, dass sie zu Mauern werden, hinter denen sich die Kirchen voreinander verschließen. Die Zersplitterung empfand er als Sünde und Unglück. Solange sie anhielt, sah er den Rückweg zum Urbild der Kirche und das Leben im schlichten Gehorsam des Evangeliums vor allem darin, dass die Konfessionen Buße taten für die gegenseitigen Verketzerungen und alles Unheil, das daraus entstanden war. Als erste Reformbewegung hatte die Brüderunität von Gott den Auftrag bekommen, für die Einheit und Erneuerung der Kirche einzutreten. Diesen Auftrag hatte Gott nicht zurückgenommen, obwohl die Gemeinschaft derer, die aller Brüder sein wollte, jetzt dem Untergang geweiht war. So wird verständlich, warum Comenius die Schätze dieser Mutter-Gemeinde den anderen Gemeinden weitergeben wollte. Seine Schrift ist ohne Beispiel in der Kirchengeschichte. Statt an sich zu denken und das eigene Sterben zu betrauern oder zu rechtfertigen, sorgt sich Comenius darum, dass Gott in allem geehrt und verherrlicht wird. Das anvertraute Eigentum durfte kein Eigengut bleiben, sondern sollte zum Segen werden für alle, die das Zeugnis der sterbenden Mutter annahmen.
(Der vollständige Beitrag erschien 1992 im Quatemberboten.)
Michael Decker

Ökumenischer Christusdienst

 

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