Vier Schlüssel für ein gereiftes Leben aus Gott
| Thema | Autor | Datum |
| Schlüssel zum Leben aus Gott | Sr. Dorothea Vosgerau | 12/09 |
| Schlüssel zum gereiften Menschsein | Brigitte Horneber | 12/09 |
| Schlüssel zur Einheit | Klaus Heß (1907-1987) | 12/09 |
| Schlüssel zur Wirksamkeit | Roland Brown | 10/09 |
Schlüssel zum Leben aus Gott
Tugend, Erkenntnis, Enthaltsamkeit, Beharrlichkeit, Frömmigkeit, Liebe – kann das wirklich in einem Menschenleben zur Ausreifung kommen? Kennen wir an uns selbst und anderen nicht allzu gut die Gebrochenheit, die uns im Reden zurecht bescheiden macht?
Die konkordante Übersetzung der Verse aus dem 2. Petrusbrief lenkt unseren Blick von uns selbst weg auf das göttliche Geheimnis, in das wir hineingezogen werden:
Seine göttliche Kraft hat uns alles ... geschenkt, damit wir Teilnehmer der göttlichen Natur werden ... – eine atemberaubende Wirklichkeit!
Wie vollzieht sich das?
Als Orientierung auf dem Weg gibt uns der Apostel dazu keine Verhaltensregeln an die Hand, sondern verweist auf die kostbarsten und größten Verheißungen.
Aus Verheißungen zu leben, heißt, das Leben immer neu aus der größeren Wirklichkeit Gottes zu empfangen. Und in dieser Haltung des Glaubens sind wir nun aufgefordert, darzureichen: Empfangenes weiterzureichen; unseren Leib und unser Leben als Raum zur Verfügung zu stellen für Seine eigene Herrlichkeit und Tugend.
Reicht dar – lasst durchfließen – gebt euch hin; so wachsen aus der göttlichen Kraft Früchte, die dem wirklichen Leben dienen:
Tugend –
gegenwärtig, präsent sein, wach für die Situationen, für die Menschen; Erkenntnis oder Einsicht – die Dinge von innen her sehen und deshalb einen Durchblick gewinnen;
Enthaltsamkeit oder Selbstbeherrschung –
die Fähigkeit, nicht mehr sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen zu leben, sondern dem, was Gott uns jetzt zukommen lässt;
Beharrlichkeit –
der lange Atem, der voller Hoffnung wartet und aushält;
Frömmigkeit oder Ehrfurcht vor Gott –
sich auf dem unerschütterlichen Grund bewegen, dass Gott der Große ist und bleibt und deshalb die Dinge nicht selber in die Hand nehmen;
Brüderliche Freundschaft –
trotz menschlicher Fremdheiten der herzlichen Nähe und Achtsamkeit Raum geben, die zur göttlichen Atmosphäre gehören; aus dem Einzeldasein ins Füreinander eingegliedert werden;
Liebe –
das Wunder, das „aller Sünden Mängel zudeckt" und Leben weckt.
Sr. Dorothea Vosgerau
Schlüssel zum gereiften Menschsein
„Kennst du reife Persönlichkeiten?", so traf mich vor Kurzem in einer Runde ganz unerwartet eine Frage. Ist das überhaupt eine Frage, dort wo wir als erfahrene, gestandene Christen zusammen kommen? Gehört Reife nicht zum natürlichen Prozess unseres Lebens, bei dem wir eben wie selbstverständlich heran reifen zum vollen Mannesalter in Christus (Eph 4,13)? Viele weitere Fragen kamen in mir hoch. Dennoch sagte ich nach kurzem Bedenken: „Ja, ich kenne reife Persönlichkeiten, aber die sind schon gestorben."
Was verbinde ich mit dem Begriff „reife Persönlichkeit"? Gibt es da etwas im Leben dieser Personen, das mich nachhaltig beeindruckt, ja Vorbildcharakter zeigt, sodass sie mir sofort in den Sinn kamen?
Seitdem geht diese Frage mit mir und fordert mich heraus, wachsam nach Bedingungen für Reife Ausschau zu halten. In einer Betrachtung zu diesem Thema von Bruder Gotthilf Haug (1875-1951) heißt es in diesem Sinn:
„Der reife Mensch zeigt in seinem inneren Wesen und in seiner äußeren Art ein ganz bestimmtes Gepräge: Er ist zum Abbild des einen ewigen Gottes geworden, dem er angeschlossen ist und in den er in Ewigkeit eingehen wird. Er ist ein Mensch der Ewigkeit, die durch ihn wirkt. Darum lehrt er nicht, er regiert nicht. Er ist nur, was er ist. Wenn er da ist, so genügt das. Das ist sein Einfluss auf alle und alles. So trägt er alles und hält alles in Gott zusammen. Wo ein solcher erscheint, ist immer Himmel. Das Licht der Ewigkeit fällt auf die Menschen, die sich ihm zuwenden. Er drängt sich nicht auf. Er ist still, arm und gering, dienend und unscheinbar, in der Zuwendung aber wird er groß und umfassend."
Im Leben Jesu wird dies anschaubar.
An Jesus sehen wir, wie sich dieser Reifungsweg gestaltet. Er gleicht einer Gratwanderung. Es ist nicht der Weg nach oben zu Ansehen und größerem Erfolg. Von Jesus heißt es einerseits: Obwohl er Gott ist, nahm er Knechtsgestalt an, er verzichtete darauf, Gott zu sein und wurde Mensch, in allem den Menschen gleich. So nahm er Verachtung, nicht Verstandenwerden und Anfeindung in Kauf, ja er war gehorsam, sogar als es sein Leben kostete, gehorsam bis zum Tod am Kreuz(Phil 2).
Jesus ist damit nicht der willenlose Knecht, der sich lethargisch herum schupsen lässt oder alles schicksalhaft über sich ergehen lässt. Sondern in wachem Bewusstsein entscheidet er sich für diesen Weg. So sagt Jesus zu seinen Jüngern, nachdem er ihnen wie ein Knecht die Füße gewaschen hat: Ihr nennt mich Meister und Herr, und mit Recht sagt ihr das, denn ich bin es. Aus diesem Wissen heraus, wer er ist, in seiner Würde als Gottessohn, neigt er sich herab und dient (vgl. Joh 13). Freiwillig, ganz bereit den Willen des Vaters zu erfüllen, lässt er passiv und doch in höchster Aktivität geschehen, was kommt - bis zum Tod am Kreuz.
Hier werden unsere Maßstäbe durchkreuzt und doch verbirgt sich genau darin der Weg zu Heil und Frieden, der Weg Gottes.
In reifen Persönlichkeiten, mögen sie jung sein oder alt an Jahren, Frauen oder Männer, spiegelt sich etwas von dieser Christusgesinnung. Es sind keine Idealmenschen ohne Fehler, keine, die ihre Originalität verlieren. Manchmal erlebte ich sie kauzig, merkwürdig, und entdeckte doch in ihnen etwas von diesem Geheimnis des Christuslebens.
Drei Erfahrungen
Pater Cyrill
Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, ist er über 75. Was ich bereits im Vorfeld über ihn hörte, lässt mich gespannt sein. „Er ist besonders streng zu Frauen. Er erkennt schnell den wunden Punkt und legt den Finger darauf. Er lässt nicht locker. Er lebt aus einer großen Jesusliebe, in unendlichem (kindlichem) Vertrauen." Nun kam ich zu dieser Begegnung nicht mit einem eigenen Anliegen, sondern in Begleitung, nur als Besucherin. Ich saß bei dem Gespräch eher beobachtend am Rande dabei und war gefangen von den sprühenden, lebendigen Augen, die etwas von einer spitzbübischen Unberechenbarkeit ahnen ließen. In den wenigen Sätzen, in denen ich ins Gespräch einbezogen war, ging es schnell um ein für mich damals brennendes Thema. Seine Art mit wenigen Worten so herauszufordern, dass am Ende des Gespräches vor allem eine frohe Gelassenheit blieb, mehr noch ein Gespanntsein auf die Überraschungen Gottes, ermutigten für weitere Gespräche. Und es folgten viele. Dabei bestätigten sich alle Vorhersagen, und ich lernte einen liebenswerten, kauzigen Menschen kennen, unbequem, mit manchen Ecken und Kanten. Er beantwortete nicht alle meine Fragen, doch wendete er alles daran, mich auf den lebendigen, gegenwärtigen Gott hinzuweisen, weitherzig alles Wesentliche von Gott zu erwarten und in allem, was geschieht, seinen Willen zu glauben.
Die Reife in diesem Leben zeigte sich mir im Loslassen. Werbend lud er ein, das Eigene zu lassen, um im Freiwerden von eigenen Vorstellungen, Erwartungen und Befürchtungen immer gelassener zu werden. So zu einer Gelassenheit zu finden, die in dem lebendigen Vertrauen wurzelt, dass Gott da ist. Anzukommen in der Gegenwart Gottes und hochaktiv auf seinen Wink zu warten, ist genug.
Hans
Bei der ersten Begrüßung nahm er freundlich lächelnd meine Hand, mit dem schlichten Gruß: „Ich freu mich, dass du da bist." Doch so schnell nahm ich ihm das nicht ab. Schließlich kannte er mich noch gar nicht. Noch blieb ich misstrauisch, wollte erst mal schauen, was hier so sein würde und wie lange die Freude wohl währte. Bei aller Vorsicht setzte sich jedoch dieser erste Eindruck hartnäckig fest: Er meint, was er sagt. Auch hier folgten viele Begegnungen. Er der Lehrer, ich die Schülerin, überzeugt nicht zu den „Besten" zu gehören. Ich lernte ihn kennen als welterfahrenen, weitgereisten Menschen, in anderen Kontinenten und Kulturen zuhause, viele lehrend. Staunend erlebte ich ihn im Umgang mit Einzelnen klar und barmherzig, aufdeckend und schützend. Es kostete immer neu Mut, schützende Decken abzulegen und einfach nur die zu sein, die ich bin. Und doch war dies in seiner Gegenwart möglich und geschah immer getragen von seinem unbesiegbaren Wohlwollen. Der Mensch als Sünder und Gottesgeschöpf, gewöhnlich und voll Würde - das war hier eins. Dass der reife Mensch immer mehr zu einem wird, der schuld- und vergebungsfähig, leidens- und genussfähig und so liebesfähig wird, konnte ich ihm abspüren.
Im Gespräch mit anderen erfuhr ich auch, dass sie in Begegnungen mit Hans Bestimmendes, ja Bedrohliches erlebten, was ich nur schwer nachvollziehen konnte. Seine Reife wirkte nicht auf alle gleich freisetzend. Manchmal erlebte ich mit, wie er selbst darunter litt und doch die eigenen Grenzen annahm. Gerade in diesem Ja zum anderen, aber auch zu den eigenen Grenzen, der jeweils eigenen Geschichte, zeigten sich Reife und Weisheit.
Heinz
Eine lange gemeinsame Wegstrecke waren wir gegangen. Da war vieles, was uns verband: die Liebe zu und das Leiden an unserer Kirchengemeinde, der gemeinsame Dienst dort, die Familie. Oft erfuhr ich die hilfreiche und kritische Unterstützung in den Gesprächen, stets das wachsam hörende Ohr. Immer wurde ich ermutigt und erlebte ein großes Zutrauen, auch wo ich selbst sehr zögerlich war. Und irgendwann kam es zu der Enttäuschung, durch die er von dem Sockel stürzte, auf den ich ihn gestellt hatte. Das veränderte zunächst unsere Beziehung: Distanz trat auf, was für uns beide schmerzlich war. Doch ist in vielen Gesprächen neu Vertrauen gewachsen, wurde auf die Probe gestellt und bewährte sich. Für mich geschah in diesem Prozess Wesentliches: Wir hatten gelernt, uns auf Augenhöhe zu begegnen, trotz vieler Jahre, die zwischen uns lagen. Nicht immer waren wir gleicher Meinung, doch das trübte die Einheit zwischen uns nicht. Es gab Erwartungen und Wünsche an eine gemeinsame Aufgabe, eine gemeinsame Zukunft vor Ort. Und dann, nach elf Jahren intensiven gemeinsamen Lebens, entschieden mein Mann und ich, wegzugehen. Ungehorsam? Führung? Jedenfalls schmerzlich. Es war klar, dass dies bei ihm als Enttäuschung und Verlust ankommen musste. Hier erfuhr ich, was es bedeutet, den anderen vor Gott wirklich freizulassen. Schon beim Umzug unterstützte er uns kräftig. Wir erlebten, dass er uns wirklich freigeben konnte für das, was wir als das Unsere erkannten, und er bereit wurde, seine Überzeugung loszulassen. Diesen inneren Prozess mitzuerleben und darüber miteinander im Gespräch zu sein, auch die Trauer auszusprechen, hat letztlich unsere Verbundenheit vertieft. In den Jahren danach war er einfach da, in Rufweite, wenn wir ihn brauchten. Stets wach und interessiert begleitete er uns. In ihm begegnete ich einem großen „Für", konnte mir seines Rates und Gebetes sicher sein. Diese Haltung des „Dennoch" bewegt mich bis heute.
Brigitte Horneber
Schlüssel zur Einheit
Er hat aus Zweien eins gemacht. Aus welchen Zweien? Aus Juden und Heiden (vgl. Eph 2,14). Welche Gegensätze und welche Feindschaft! Zwischen beiden stand nicht nur rassischer Gegensatz, zwischen beiden stand das Gesetz, zum Beispiel die Beschneidung und der Fluch. Wir wissen, dass nichts tiefer trennen und feindschaftliche Leidenschaften erregen kann, Hass und Lästerung bis hin zu Mord und Totschlag, als der Unterschied des Glaubens, der Religion. Das liegt daran, dass sich hier unsere Gegensätze mit den seelischen Gefühlen und Kräften verbinden, die uns am tiefsten und innigsten angehören. Aber Er hat aus Zweien eines gemacht. Wodurch? Durch Seinen Tod am Kreuz, durch Sein Sterbensopfer.
Was hat Ihn bewegt, sich dermaßen zerreißen zu lassen, von den Juden verworfen und von den Heiden ans Kreuz geschlagen? Dem religiösen Hass Seines Volkes ausgeliefert und der Verachtung der Fremden? Es ist die Liebesglut Seines Herzens, erfüllt von der Liebe Gottes, Seines Vaters. Diese hat Ihn getrieben, sich in den Riss der Feindschaft, in die Entzweiung hineinzugeben und durch sich selbst die Einheit, die Versöhnung, die neue Liebes- und Lebensgemeinschaft zu schaffen. Die Liebesglut Jesu allein ist die Macht, jene anderen Leidenschaften, jenen Fanatismus eigenmächtigen Glaubens und jene unsagbare Gleichgültigkeit und heuchlerische Toleranz gerade innerhalb der sogenannten Christenheit zu überwinden und uns in Seiner Liebe zu einen. Die Liebe, und zwar die Liebe am Kreuz, die gekreuzigte Liebe ist der Ort der Einheit.
Was Not tut heute, das ist eine Bruderschaft der Liebenden, damit Einheit werde unter uns. Einheit, nicht des Gesetzes, nicht der Lehre, nicht der Erlebnisse, nicht der Gebete, nicht der Pläne und Unternehmungen, sondern Einheit in der Liebe, Einheit im Kreuz, im gekreuzigten Jesus, dem Sohne Gottes. Aus ihr folgt die Einheit in all diesen anderen Anliegen, Einheit voll schönster, herrlicher Mannigfaltigkeit Gottes, Seines Lichtes und Seines Geistes. Es muss eine Kreuzbruderschaft wachsen, die von jener Liebe getrieben, die Jesus erfüllt, in den Riss eintritt und sich im Kreuze eint um jeden Preis, trotz Verachtung, Nachrede, Schande, Verwerfung, Hohn und Spott. Eine Bruderschaft der Liebe, die römische Katholiken, reformierte Protestanten, Orthodoxe und Lutheraner ebenso umfasst wie Brüder und Schwestern aus Freikirchen und Klöstern, aus der Pfingstbewegung wie aus den Quäkern und aus sonstigen Gruppen der Christenheit. Was uns fehlt, das ist das Ja zur Liebe Gottes um jeden Preis, das Ja zum Kreuze Christi, das Ja zur völligen Nachfolge dessen, der hinging, nicht nur das Volk zu erlösen, sondern die zerstreuten Gotteskinder zusammen zu bringen in Eins. Wir sind erfüllt mit Angst wie die Jünger: Das widerfahre dir nur ja nicht! Wir haben Angst vor Rom und dem Papst oder vor den Geistesgaben und den versucherischen Mächten, die hinter allem stehen und stehen könnten. Wir haben Angst vor dem Urteil der Menschen, besonders der Frommen und unserer Kirchgenossen, wenn sie uns da oder dort sehen, etwa mit einem Mönch oder mit einem Prediger oder in einer Kapelle dieser oder jener Konfession und Gruppe. Wir sind leidensscheu und feig und lassen Jesus, unseren Herren, den letzten Weg Seines Opfers für die Einheit allein gehen. Welche Schmach für Ihn, welch ein Schmerz für Sein liebendes Herz. Und wieder geht Sein Fragen an uns: Könnt ihr euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Das ist die Taufe der Buße, weg von aller Sünde und Trennung, hinein in die Einheit des Dreieinigen Gottes und aller Brüder, hinein in die Liebes- und Lebensgemeinschaft Seines Herzens und Lebens.
Furcht ist nicht in der Liebe! So gewiss die Bruderschaft des Kreuzes und der Liebe bis heute nicht gefehlt hat, so gewiss wird sie in diesen letzten Tagen sich überall erheben aus dem Staub, aus der Verzagtheit, aus der Menschenfurcht und wird in die Fußstapfen des Mannes der Schmerzen und der Liebe treten und dem Lamme folgen, wo es hingeht. In der Kraft der durchgrabenen Hände und Füße des gekreuzigten Gottessohnes wollen wir uns die Hände geben über alle schrecklichen Nöte und Trennungen hinweg – die wir nicht einfach wegleugnen, sondern zu tragen und an- und miteinander zu erleiden haben – wollen in die Fußspuren des Herrn treten und den Weg zueinander und miteinander zum Vater suchen und gehen zum Zeugnis dafür, dass Jesus Christus die Wahrheit aus Zweien eins gemacht und die Welt versöhnt hat mit Gott durch sich selbst. Wir haben aber alle Gelegenheit dazu dort, wo wir hingestellt sind, denn „das Leben besteht aus lauter Gelegenheiten zur Liebe" (Hilty).
Klaus Heß (1907-1987)
Schlüssel zur Wirksamkeit
Die „Fächelbienen"
Während in der Welt überall das Imponiergehabe, die Faszination des Großen und Gewaltigen die Menschen bestimmt, sollte im Reich Gottes das Augenmerk auf das gerichtet sein, was dem oberflächlichen Blick verborgen, aber dem geistlichen Auge sichtbar ist. Sicher meint Jesus auch etwas ähnliches, wenn er am Senfkorn die große Entfaltungsmöglichkeit aufzeigt.
Eine gute Veranschaulichung dazu bietet uns der Bienenstaat. Die Bienen eines Stockes haben sehr verschiedene Funktionen. Jede einzelne ist für irgendeine Aufgabe vorgesehen – alle sind sie nötig. Die unermüdliche Honigbiene, die aus- und einfliegt und die Nahrung besorgt; die Arbeiterinnen, die die Brut pflegen und den Stock sauberhalten; die Wächter, die vor Gefahren warnen, und die Königin, die unablässig für den Nachwuchs sorgt.
Eine Gruppe – nur dem erfahrenen Imker in ihrer lebensnotwendigen Bedeutung bekannt – sind die Fächelbienen. Jede ist an einer bestimmten Stelle des Stockes – vom Eingang bis in den Bau verteilt – aufgestellt, und ihre Aufgabe besteht darin, nichts anderes zu tun, als durch die rasche Bewegung der Flügel einen Luftstrom zu erzeugen. Durch diese Luftzirkulation wird der Stock ständig mit frischer Luft versorgt, die Temperatur wird auf dem gleichmäßigen Grad gehalten und die verbrauchte Luft wieder hinaus gewedelt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, im Sommer und im Winter, herrscht im Bienenstock dieselbe Temperatur – eine für die Lebenserhaltung des Staates unbedingte Voraussetzung. Die Aufgabe einer solchen Fächelbiene ist bestimmt keine imponierende Aufgabe.
Auch in unseren Gemeinden und Gruppen sind solche Funktionen notwendig. Es sind die ständigen und stillen Beter, die den Luftstrom des Heiligen Geistes in Bewegung halten und dafür sorgen, dass eine frische, gute, heilende Atmosphäre in der Gemeinde herrscht, dass die schlechte, verdorbene Luft herausgeht. Sie sorgen für das gute Klima. Die Gesundheit eines Kreises, einer Gemeinde, die Kontinuität ihres Aufbaus hängt davon ab, ob sich genügend Menschen finden, die diesen Dienst in Demut und Treue übernehmen. Da diese Aufgabe des Betens, Segnens, der Fürbitte – kurz gesagt: das Leben im verborgenen Umgang mit Gott – nicht nach außen auffällig ist, drängt sich niemand danach. Da auch viele verantwortliche Mitarbeiter die Bedeutung dieses Dienstes nicht kennen und deshalb nicht anerkennen, verlieren die „Stillen im Lande" oft den Mut. In den meisten Fällen wird es sogar so sein, dass man niemanden zu einer solchen Aufgabe ruft. Anstatt am Krankenbett und in den Altenstuben den Leidenden nur Trost zu spenden, sollten diese besser aufgerufen werden, ihren Dienst aufzunehmen. Viele Altenheime können so zu Missionszentralen werden, Krankenzimmer zu Kraftstationen. Wohl dem Prediger und dem Pfarrer, der dieses Kapital seiner Gemeinde richtig zu erkennen und einzusetzen weiß. Wichtig ist, dass er sie immer wieder mit Informationen versorgt, sie für spezielle Anliegen aufruft und ihnen dann auch den Sieg zuschreibt!
Roland Brown
