Ökumenischer Christusdienst
 

Fremdes zulassen und schätzen

Ein Katholik lernt evangelische Kirche kennen

Ich bin in einer römisch katholischen Familie in einem Dorf am Niederrhein geboren. Die Bevölkerung unseres Ortes ist etwa zur Hälfte katholisch, zur Hälfte evangelisch (Landeskirche). Man kennt sich und doch geht jeder in seine eigene Kirchengemeinde. Meine Familie war schon seit Generationen in der röm.-kath. Kirche eingebunden, und somit auch verbunden. Ich selbst fand meinen Platz dort in der Pfarrjugendarbeit und im Engagement für die Kirchengemeinde. Die Gemeinde war mir vertraut, und ich kannte viele Menschen. Ich bin dort zu Hause. Ortsgemeinde und röm.-kath. Kirche bilden den Rahmen und ich fühle mich als Teil der weltumspannenden Kirche Jesu Christi.
Es gibt dort für jeden einen Platz, in Jugendgruppen, im Kirchen­chor und Seniorenkreis, in unterschiedlichen Verbänden, im Kindergarten und Krankenhaus. Es gibt keinen Lebensbereich, der nicht innerhalb dieser Kirche mitversorgt würde. Was sollte mir fehlen? In welcher Lebenslage auch immer man ist, es gibt dort für alles Gruppierungen und Verbände unter diesem röm.- kath. Dach. Ich erlebe diesen Organismus in einer Vielfalt, die immer noch ein wenig bunter ist als ich es selbst gedacht hätte. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei dieser Vielfalt ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Nicht jeder in der röm.-kath. Kirche ist gleich ein begeisterter Marienverehrer, nicht jeder hat einen Zugang zum Rosenkranz und auch nicht jeder findet alle Bischofsworte und päpstliche Schreiben direkt gut.
Eigentlich könnte ich doch zufrieden sein mit dieser Situation und es passte ja auch alles gut zusammen, wenn ich nicht durch meine damalige Freundin und jetzige Frau (die auch aus der röm.-kath Kirche kommt) Menschen kennen gelernt hätte, die über ihren christlichen Glauben so ganz anders sprachen, als ich das bislang kannte.

Evangelische Bereicherung

Es war ein charismatischer Kreis Jugendlicher, der in der katholischen Gemeinde stattfand, aber auch ganz viele Kontakte zu Christen außerhalb dieser Kirchengemeinde hatte. Da waren ganz andere Themen im Gespräch, als ich sie bislang kannte - Fragen wie: „Wann hast du dich bekehrt?“ „Ist das, was du tust, eigentlich Gottes Wille oder handelst du da aus dir heraus?“ „Was ist dran (zu tun) aus Gottes Sicht?“ „Was hast du mit Jesus erlebt?“
Diese und so manche andere Frage forderte mich heraus, weil sie mir so nie gestellt worden war, aber sie machten auch neugierig, warum diese Christen jenseits der röm.-kath. Kirche so anders sind. In diesem Erleben sah ich viel Neues, was ich bisher nie gekannt hatte:
- Die Bibel ernster zu nehmen, sie als das Wort Gottes zu sehen und damit zu leben.
- Jesus mehr Raum in meinem Leben zu lassen, ja ihm mein Leben zu überlassen; aus einer persönlichen Jesusbeziehung zu leben.
- Freies Gebet, eine ganz andere Weise zu Gott zu sprechen.
- Hauskreise, ein Austausch zu Glaubenssituationen, persönliche Seelsorge zwischen Christen, die gemeinsam auf dem Weg sind;  nicht nur Seelsorge durch einen Priester.
Solche Erfahrungen, wie sie vielleicht Geschwistern aus den evangelischen oder freikirchlichen Gemeinden vertraut sind, waren für mich fremd und neu, doch sie haben mich reicher gemacht und meinen Horizont erweitert.
Zeitweise war ich auch auf dem Weg die röm.-kath. Kirche zu verlassen, denn manch freikirchliche Form war doch viel lebendiger, authentischer als diese röm.-kath Kirche mit ihrer langen Tradition und ihren festen Ordnungen. Gott hat mir jedoch gezeigt, dass dies nicht der Weg ist. Er hatte sich etwas dabei gedacht, mich an diesen Platz in die röm.-kath. Kirche zu stellen; denn ich werde dort gebraucht. So bin ich geblieben.

Unterschiede trennen nicht

Heute entdecke ich immer wieder neu andere Facetten in der evangelischen Kirche. Ich darf sie verstehen lernen, ohne ihnen nachlaufen zu müssen. Ich darf mich damit eins machen, auch wenn ich es selbst vielleicht anders kenne. Ein Beispiel:
Gottesdienste waren für mich typischerweise immer Wortgottesdienst und Eucharistiefeier; diese gehören aus röm.-kath Sicht zum „normalen“ Gottesdienst (Messe). Es gibt natürlich auch andere Liturgien, wie eine Andacht, das Rosenkranzgebet, die Anbetungsfeier usw. Oftmals treten sie, da sie nicht zwingend einen Priester erfordern, im Ansehen der Gläubigen jedoch zurück. In Zeiten von Priestermangel, den die röm.-kath. Kirche zur Zeit sehr massiv erlebt, kann manchmal auch die Sonntagsmesse durch den Pfarrer oder seinen Vertreter nicht immer geleistet werden; dann gibt es einen Wortgottesdienst (auch von Laien gehalten) als Alternativangebot. Das Verständnis hierzu ist aber manchmal schon sehr verschieden und wird auch in den Herzen vieler Katholiken nicht als gleichwertig angesehen. Je mehr ich auch die evangelische Sicht kennen lernte, sah ich, dass auch die für mich „normale“ Gottesdienstform gar nicht so selbstverständlich war. In manchen Gemeinden gibt es nicht jede Woche ein Abendmahl und auch die Liturgie, in der man sie feiert, ist oftmals ganz unterschiedlich; doch viele evangelische Geschwister spüren eine tiefe Sehnsucht danach. So wird etwas für mich „Normales“ für einen andern Christen zu etwas „Besonderem“ und umgekehrt.
Heute sehe ich mich selbst mit einer erweiterten Sicht zum Kirchen­verständnis beschenkt. Ich durfte erfahren, dass die röm.-kath. Kirche Vieles in sich trägt, aber mindestens genauso Vieles nicht hat, was auch zur Kirche Jesu gehört. Ich darf das entdecken mit Freude und mit Dankbarkeit.
Ich selbst kann diese Vielfalt nicht haben und muss sie auch nicht haben, aber ich darf sie teilen mit Geschwistern, die mir begegnen und mich bereichern. Es geht nicht darum, wer die richtige und wahre Einstellung hat und sich damit gegenüber dem anderen abzugrenzen. Es ist mir wichtig geworden, andere besser zu verstehen, um dann auch ihre Sichtweisen und Schwerpunkte mittragen zu können.
Als katholischer Christ habe ich durch die Begegnungen und Erfahrungen auch mehr und mehr ein evangelisches Verständnis bekommen; mein Herz ist weiter geworden.

Michael Erkelenz

Kirche entdecken

Ein Evangelischer begegnet katholischen Christen

Entdeckung der einen Kirche Jesu Christi ist für mich immer ein Gnadenhandeln Gottes. Solches Entdecken (Aufdecken) bleibt wachstümlich und bedarf deshalb eines fortwährenden lebenslangen Bekehrungsprozesses. Es bleibt die Herausforderung einer kontinuierlichen Hinkehr und bußfertigen Hinwendung, durch den Heiligen Geist gewirkt, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollen Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi... (Eph 4,13).
Ich bin 1938 in Ludwigsburg geboren und zusammen mit einer Schwester und zwei Brüdern in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Als evangelische Christen wurden wir von Kindheit auf in den Angeboten der evangelischen Landeskirche von Württemberg und im CVJM groß.
Schon früh nach dem Krieg kamen meine Eltern in Verbindung mit der „Philadelphia-Bewegung“, die durch den Dienst von Christian Röckle ins Leben gerufen wurde. Noch vor meiner Konfirmation durfte ich infolge einer Beichte die bewusste Erfahrung der „Heilsgewissheit“ machen (vgl. Röm 8,15-16).
Ich erlernte den Tischlerberuf und war bis zu meinem 22. Lebens­jahr im Betrieb tätig. In diesen Jahren kam ich viel nach Leonberg in das Philadelphia-Werk und erlebte dort eine erste „Herzerweiterung“.
Die jährlich stattfindenden Konferenzen stehen immer unter dem Thema „Die Wiederkunft Jesu und unsere Zubereitung“. Viele Brüder und Schwestern aus den unterschiedlichsten geistlichen Richtungen dienen am Wort Gottes.

Parteidenken und Berührungsängste verlieren
Zu diesen Konferenzen kamen Brüder, die mit Überzeugungskraft das Wort Gottes auf den Leuchter stellten. Sie riefen zu entschiedener Lebenshingabe an Jesus auf und berichteten beispielhaft aus ihrem eigenen Leben und ihrer Gemeinde. Für uns junge Leute war dies sehr beeindruckend, und diese Dienste wurden für mich zum Segen. Doch im Lauf der Zeit kam es auch zu Trennungen unter den Gläubigen und ich selbst stand damals, mir sicher nicht recht bewusst, in der Gefahr, parteiisch zu werden.
Bei den vielen Bibelwochen in Leonberg mit ganz unterschiedlichen Brüdern stellte ich fest, wie groß die Gefahr ist, wenn man sich parteiisch auf jemanden festgelegt hat; andere, die dann deshalb durchs Raster fallen, kann man nicht mehr in der Liebe Jesu festhalten. Dennoch bleiben solche Geschwister meine Brüder und Schwestern, auch wenn auf Grund der Umstände Gemeinschaft mit ihnen so nicht möglich ist.
Hier ist und bleibt ein Bekehrungsprozess das ganze Leben lang notwendig. Gottes Gnade benützt hierzu viele Gelegenheiten und den Dienst von Brüdern und Schwestern, deren Leben, Ausstrahlung und selbstloser Dienst mithelfen, dass Hinkehr zum ganzen Leib Christi bewirkt wird.
Da sind die Schriften von Christian Röckle, der die Einheit der Gemeinde Jesu liebte und betonte. Da sind Wortverkündigungen von gesegneten Brüdern. Da ist ein Geist der Freiheit, der mithilft, den ganzen Leib Christi zu erkennen und zu sehen.
Bei Mitarbeitertagen innerhalb des Philadelphia-Werkes erlebte ich seit 1983 eine nächste Herzerweiterung. Diese hatte auch zur Folge, dass ich für die Teilnahme beim „Kreis zur Einheit“ und „Treffen für Verantwortliche“ delegiert wurde. Ich entdeckte dabei wieder neue Seiten der einen Kirche und durchlief einen weiteren Lernprozess: Mir begegneten viele Brüder und Schwestern, die von Gott in vielfältige Werke und Aufgaben ganz unterschiedlicher Art gestellt sind. Ich musste und durfte Berührungsängste verlieren und mein Sendungsbewusstsein ablegen. Ich lernte bei diesen Gelegenheiten mich selbst besser kennen und den Bruder und die Schwester anzunehmen (vgl. Phil 2,3-4).
Durch die von Gott geschenkte Verbindung mit den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ waren wir vom Philadelphia-Werk seit 1988 organisch mit in die „Treffen im Sinne des Ökumenischen Christusdienstes“ eingebunden.Dabei geschieht im Wesentlichen  „...ein Dienst aus der Einheit mit Christus und allen Christen an der Einheit aller Christen in Christus innerhalb der verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften der Christenheit. Christus ist nur Einer und seine Kirche ist nur Eine, denn sie ist sein Leib.“
Die Liebesgemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott gründet unser Leben, so dass wir weit hinaus sehen und gehen können. Es entsteht ein Kennen- und Liebenlernen zu anderen Brüdern und Schwestern hin, egal in welcher Konfession sie stehen. Ich durfte dabei manche Vorurteile gegenüber evangelischen Christen, Pfingstlern, Katholiken und Orthodoxen korrigieren. Wichtig ist mir nur, dass mein Leben wirklich ganz in der Hand des guten Hirten ist.

Gott schenkt Vielfalt

Bei den „Treffen von Verantwortlichen“ erlebte ich in den letzten Jahren Gemeinschaft auch mit Geschwistern aus der röm.-kath. Kirche. Ich saß einmal bei der Anreise am Kaffeetisch allein mit einem Teilnehmer zusammen in schönem brüderlichem Gespräch. Ich kannte ihn nicht, erkundigte mich auch nicht, wer er sei und sah zu meinem Erstaunen bei den anschließenden Begrüßungsreden, dass es Weihbischof Renz aus Rottenburg war. Er wurde für mich mein „Bruder Weihbischof“
Solche Begegnungen erleichtern das Kennen Lernen, wenn dann große Treffen wie „Miteinander für Europa“ stattfinden (z.B. 2004 und 2007 in Stuttgart). Man kann einander offen begegnen und lernen, Gottes Wort anzunehmen, egal, von welcher Seite es ver­kündigt wird. Das sind für mich wichtige Geschehen für wachsende brüderliche Wertschätzung über Erkenntnisfragen und Konfessionsgrenzen hinweg. Es entsteht eine Oekumene der Herzen, ohne vereinnahmt zu werden, auch nicht in organisatorischen Zukunftsbemühungen, vielmehr im Sinn des Organismus Jesu: Er das Haupt, wir seine Glieder.
Auch in der eigenen Familie erlebe ich etwas von der Vielfalt des Leibes Christi. Unsere vier erwachsenen Kinder haben sich jeweils  einer anderen Kirche oder Gemeinde angeschlossen, was jedoch unsere Einheit in Christus in keiner Weise stört.
Gott schenkt uns eine besondere Gnadenzeit vor der Wiederkunft Jesu. Hier auf Erden ist alles noch vorläufig, oft auch bruchstückhaft; es ist immer nur ein Teil des Ganzen zu erkennen. Bis Jesus wiederkommt, möchte ich mit Seiner Gnade „Gehilfe der Freude“ an dem Platz sein, wohin Er mich gestellt hat (1Petr 4,10).

Albrecht Junginger

Ökumenischer Christusdienst

 

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