Ökumenischer Christusdienst
 

Jesus Christus - der ganz andere

blumhardt

Das Erste, was not tut, ist eine neue Bekehrung der Christenheit, jedoch in völligerer Art, als man's im kleinen sieht. Dass dies wahr werde, muss ernstlicher gekämpft, biblischer gepredigt, dringlicher gebetet werden. Was hätten wir erst an Christus, wenn Sein Geist völlig in uns wirken würde! Dann würde die Verzagtheit aufhören, in die wir so oft verfallen, dann würde auch manches Murren und verdrossene Wesen zum Ziel kommen. Es wäre der Geist der Wahrheit wirksam, da würde vom Streit viel aufhören in der Christenheit; da würde man einiger sein, man würde den Sachen auf den Grund sehen und würde sich miteinander verständigen und würde am allerwenigsten aus vorübergehenden Missverständnissen Hass und Neid entstehen lassen. Denken wir, was das Evangelium für einen neuen Eindruck schnell wieder machte, wenn auf einmal durch die Gabe des Heiligen Geistes alle Konfessionen, alle Sekten und Spaltungen miteinander eins würden, soweit sie gläubig wären, mithin alle ihre trennenden Unterschiede fahren ließen, um nur miteinander der Liebe Jesu gewiss zu sein unter dem Genuss Seiner Herrlichkteit. Tag und Nacht sollten wir rufen: Herr, gib uns doch wieder den Heiligen Geist, damit Er uns eins macht, wie Du, Vater, mit dem Sohn eins bist!

Johann Christoph Blumhardt

Jesus Christus - der ganz andere

Wir alle meinen ihn zu kennen. Aber Jesus wird nicht nur von denen verkannt, die ihn ablehnen oder gar bekämpfen. Er wird auch von denen , die sich nach seinem Namen nennen, noch lange nicht in seiner ganzen Einzigartigkeit und dem Reichtum seines Wesens erkannt.
Der ins Fleisch gekommene Logos, der Gottessohn, wurde schon während seines Erdenlebens weder erkannt noch angenommen. Gegensätzliche Bewegungen, Hoffnungen und Erwartungen bestimmten das religiöse und politische Klima und verhinderten das Erkennen Jesu und seiner Gottesbestimmung - selbst bei seinen Jüngern, die ihm am nächsten standen. Ist das heute anders?
Jesus ist ohne den Hintergrund des Alten Testamentes und der Geschichte Israels nicht zu verstehen. Wer die heilige Schrift Israels nicht aus der Perspektive der Offenbarungen Gottes in ihr und aus dem Blickwinkel der Erfahrungen des wandernden Gottesvolkes liest, kann den Reichtum des Gottessohnes Jesus nicht erkennen.
Das Alte Testament bezeugt Israel als von Gott auserwähltes Volk, das als Knecht und Diener Gottes, als ein Königreich von Priestern und als heiliges Volk, der gesamten Menschheit den Weg in die Gemeinschaft mit Gott eröffnen sollte. Zwei Hoffnungslinien gehen durch die Botschaft des Alten Testaments: zum einen die Erwartung einer heilen Welt (Jes 9 und 11), zum andern die Verheißung eines leidenden Gottesknechtes, eines Gesalbten, der durch Verachtung und Leiden hindurch rettet (Jes 53).
Die überlieferten Geschichtsberichte zeigen uns, wie Israel im realen politisch-geschichtlichen Leben an diesen - für seine Vorstellung auseinander driftenden - Erwartungen und Verheißungen immer wieder zerbrach und scheiterte. Auch seine Jünger waren nicht in der Lage, ihn als den zu erkennen, der beide Verheißungen erfüllen sollte.
Was hat nun Jesus gebracht, was war seine eigentliche Bedeutung? Er hat zuerst die Verheißungen und Hoffnungen Israels bestätigt. Er hat uns den Vater, den Gott der Väter Israels, neu vor Augen gemalt. Johannes sagt:
„Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt." Andere übersetzen sogar:
„Der am Herzen Gottes ruhte - und seinen Willen kannte und tat." Die Lehre Jesu kommt deshalb nicht aus menschlichem Erkennen und ist nicht erfassbar durch intellektuelle Annahme. Sie kommt aus der unmittelbaren Berührung mit dem Vater - aus dem Gespräch mit dem Vater von Angesicht zu Angesicht. Auf ihn lief die Geschichte Israels zu und von ihm geht die Geschichte des Gottesvolkes durch die Zeiten aus. Darin liegt bis heute der Reichtum, die Größe und Tiefe seiner Person - in Wort und Tat, die zu Lebzeiten von seinen Begleitern nicht erkannt wurde. Erst das Pfingstereignis hat ihnen die Augen dafür öffnen können.
Darum konnte Jesus erst nach seiner Auferstehung seinen Jüngern die Weltmission anvertrauen: Sie bekamen den Auftrag, die ganze Menschheit in die Gemeinschaft mit Gott zu rufen.


Wider die Gottvergessenheit

Jesus ist der Menschensohn, der die ganze Geschichte der Menschheit - von Adam an - auf sich genommen hat. Am eigenen Leibe hat er das menschlich-sterbliche Leben durchschritten und durchlitten. Denn nur so kann es verwandelt und zum Leben im Reich Gottes erweckt werden.
Er wurde versucht wie wir, blieb aber ohne Sünde. Der Kern aller Sünde ist doch das Beiseiteschieben Gottes; es ist die Illusion, die Welt aus eigener Kraft und Intelligenz - eben ohne den lebendigen Gott - in Ordnung bringen zu können. Es ist die Illusion zu glauben, politische, materielle und andere innerweltliche Realitäten seien die einzige ernst zu nehmende Wirklichkeit. Jesus widerspricht dieser Begrenzung mit seinem ganzen Leben, Sterben und Auferstehen.
Von daher ist die Frage so wichtig: Kennen wir Jesus? Oder sind wir auch in der Gefahr - wie viele Israeliten zur Zeit Jesu - uns von Gott und vor allem von Jesus unser eigenes, beschränktes Bild zu machen? Glauben wir auch, unsre menschlich gut gemeinten Hilfsaktionen zur Rettung der Welt und Menschheit reichten aus, die Welt zu erlösen?
Dieser Versuchung ist Jesus radikal ausgewichen. Er tat nur den Willen des Vaters - wie öfter von ihm berichtet wird - und widerstand den menschlichen Laborversuchen, Gott vor den eigenen Karren zu spannen und gutgemeinte Lösungen für Probleme anzubieten. Das hat ihn allerdings den Tod - das Opfer für die Schuld der ganzen Menschheit - gekostet. So wurde er zum Lamm Gottes, das der Welt Sünde hinweggetragen hat.
Jesus rief in seine Jüngerschaft und Nachfolge. Und das bedeutet nicht ein Gutes-Tun-Wollen, sondern ein im Sinne Jesu Gut-Werden-Wollen, ein lebendiges Leben und Hören auf Jesus oder - wie das Neue Testament sagt - ein neuer Mensch werden. Deshalb spricht Petrus in seinem Brief davon, dass wir „aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt, wiedergeboren sind".
Durch diese Neugeburt im Heiligen Geist wird die Sünde überwunden, d.h. die Gottvergessenheit und das autonome Streben des Menschen.
Natürlicherweise gehört das anschließende Wachstum zum Menschsein, also zu jeder Neugeburt. Die Jünger Jesu erleben und durchschreiten ähnliche Reifeschritte, wie sie auch von Jesus selber berichtet sind. Dazu gehören ein Ernstnehmen des ganzen Evangeliums Gottes, wie auch das Wort Jesu (aus Joh 6,53): „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch." Dies Beschenktwerden durch die Gnade Gottes ist die Voraussetzung für Menschen, die im Sinne Jesu leben und wirken wollen.
Durch solche Menschen kann Versöhnung untereinander geschehen und Reich Gottes in der Welt sichtbar werden.

Lernen wir, dass es nur eine einzige Liebe gibt:
Wer Gott umarmt, findet in Seinen Armen die Welt,
wer in Seinem Herzen das Gewicht Gottes aufnimmt,
empfängt auch das Gewicht der Welt

Br.Johannes Junger

Jesus Christus - der überraschende

Kennen wir Jesus? Die Antwort hat zwei wahre Seiten: Ja, wir kennen und lieben ihn immer mehr! - Und: Nein, er überrascht uns immer wieder, auch wenn wir schon oft im Evangelium gelesen haben. Mit Jesus werden wir nicht ‘fertig'. Auch wer das Leben Jesu gut kennt, schreitet doch immer tiefer hinein in sein unausschöpfliches Geheimnis. Jesus hat mit seinem Leben und Sterben die Welt vom Himmel her erschüttert. Er lehrt uns, wie Gott in dieser Schöpfung herrschen will. Seine Person zeigt uns, wie Gott sein Reich unter uns baut.
Jesu Worte und Predigten wirkten. Die Menschen entsetzten sich. „Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser" (Joh 7,46), sagten sie.
Mehrmals wird im Evangelium davon berichtet, dass die Leute hoch erstaunt waren, wenn Jesus seine Rede beendete: „Sie waren außer sich über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten" (Mt 7,29). Worüber erschrak das Volk? Vielleicht konnte Jesus zündende Reden halten. Vielleicht redete er laut oder eindringlich zu seinen Zuhörern. Doch mehr als die Redegewandtheit wirkten sein Anspruch und seine Autorität. Jesus redete nicht als überragende menschliche Persönlichkeit; er trat zu den Menschen und handelte unter ihnen als menschgewordener Gottessohn.
Als Gegner ihm deswegen Anmaßung vorwarfen, antwortete er: „Ich suche nicht meine Ehre... Es ist mein Vater, der mich ehrt... Ihr kennt ihn nicht; ich aber kenne ihn und halte sein Wort. Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich." Da sprachen sie zu ihm: „Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?" Jesus antwortete: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich." - Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging zum Tempel hinaus
(vgl. Joh 8, 46ff).

Folge mir nach!

Jesus begegnete den Menschen mit göttlichem Anspruch. Er sprach zu ihnen nicht nur von Gott. Er sprach als Sohn des Vaters. Jesus war die Stimme Gottes. Entweder hielten sie ihn deshalb für einen Gotteslästerer und versuchten, ihn zum Schweigen bringen. Oder sie mussten akzeptieren, dass in Jesus Gott selbst zu ihnen trat.
In einer ganz klaren und zugleich liebenswürdigen Weise kommt dieser Anspruch in der Begegnung mit dem reichen jungen Mann zum Ausdruck: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" fragte ihn dieser aufrichtig suchende Mensch. „Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.« Der junge Mann antwortete: „Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf." - Da sah Jesus ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: „Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!" (Mk 10, 17ff) Der junge Mann entsetzte sich über diese Antwort. Jesu Worte bewirkten, dass er unmutig wurde und traurig davon ging. Wer kann von sich schon sagen, dass er die Gebote von Kindheit an gehalten hat? Hatte Jesus diesen suchenden Menschen überfordert? Er kam doch aus gutem Haus. Er strebte nach Vollkommenheit.
Gerade weil Jesus die Aufrichtigkeit dieses Mannes erkannte und wertschätzte, traute er ihm zu, sich noch tiefer in das unausschöpfliche Geheimnis des Lebens mit Gott hinein zu wagen. Jesus lockte diesen Mann, das Leben eines Reich-Gottesmenschen zu ergreifen. Was kennzeichnet einen Reich-Gottesmenschen? - Dass er den Anspruch aufnimmt und dem Anruf nachkommt: „Folge mir nach!" Jesus achtete den Gehorsam gegenüber den Geboten nicht gering. Er hob die Weisungen des alttestamentlichen Bundes nicht auf. Aber er trat den Menschen, die sich an ihn wandten, mit dem Anspruch entgegen, die Erfüllung des Willens Gottes in seiner Person zu suchen und zu finden: „Ich bin der Weg..., niemand kommt zum Vater außer durch mich!" (Joh 14,6) Jesus ist das Bild des Vaters.
Darüber erschraken die Menschen. Daran scheiden sich die Geister bis heute.
Jesus war eigentlich kein ‘Religionsstifter'. Er fügt den menschlichen Versuchen, Gott näher zu kommen, nichts Neues hinzu. Er verstärkt nicht menschliches Bemühen, sondern verkündigt und verkörpert zuerst die Gnade, die von Gott kommt: „Aus Gottes Herzen führt er einen Lebensstrom in die dürstende Welt. Von Oben her tut er ein neues Dasein auf, das aus der Schöpfung selbst nicht möglich und nach Ordnungen gebaut ist, die von Unten her als Verwirrung und Umsturz erscheinen". Um daran teilzuhaben, muss der Mensch hören, sich öffnen und umkehren. „Er muss die Verklammerung ins natürliche Dasein loslassen und dem Kommenden entgegen gehen" (R.Guardini).

Frei werden von Gott her

Der natürliche Anspruch begnügt sich mit dieser Weltordnung und hält sie für das Einzige und Eigentliche. Denen, die es in dieser Zeit gut haben, die Mächtigen, die Reichen, die Satten, die sich hier einrichten konnten und wohlgeordnete Verhältnisse vorfanden oder zu schaffen vermochten, denen fällt es schwer, mehr zu sehen als diese Welt. Jesus muss sie mit einem vierfachen „Wehe" aufschrecken: „Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. - Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. - Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. - Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan" (Lk 6,24-26).
Unablässig wirbt Jesus. In den Armen, Trauernden, Friedlosen und Verfolgten sieht er diejenigen, die offen sind für diese Botschaft. Ihre Lebensmöglichkeiten nennt Jesus nicht deshalb selig, weil Armut oder Ungerechtigkeit ein seliger Zustand wäre. Aber er sieht in ihnen Bürger des Himmelreiches, Menschen, die von Gott her frei geworden sind. Ihre Freiheit und ihr Reichtum liegen darin, dass sie sich an seine Person gebunden haben und ihm nachfolgen. So sind sie „dem irdischen Herüber und Hinüber von Stoß und Gegenstoß, von Recht und Wider-Recht" nicht mehr einfach ausgeliefert; sie steigen „über das Getriebe der innerweltlichen Mächte und Ordnungen" (R.Guardini) hinaus.
Nachdem die Jünger Jesu miterlebten, dass der junge Mann traurig und mutlos davonging, erschraken auch sie über seine Worte. „Aber Jesus sprach zu ihnen: »Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.« Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: »Wer kann dann selig werden?« Jesus aber sah sie an und sprach: »Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott« (Mk 10, 24-27). Gott gibt die Sehnsucht und die Kraft, in der wir vollbringen, was uns selbst nicht gelingt. Was der Verstand für unmöglich hält, kann der Glaube wagen. Ihm wird es geschenkt, denn „unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat" (1Joh 5,4).
Michael Decker

Jesus Christus - der eindeutige

Wie leben wir als Christen, die die Zuversicht und Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes haben, in dieser Welt? Wir wissen um die Herrschaft Christi, die sich so wesentlich von der in der Welt üblichen Herrschaft unterscheidet und doch noch so verborgen ist. Angesichts der Realität beider Herrschaftsarten müssen wir unser Leben meistern. Wie kann das gelingen? Wie kann ein Christ als Politiker glaubwürdig leben, glaubwürdig als Christ und glaubwürdig als Politiker? Wie kommen wir im Berufs- und Wirtschaftsleben sauber durch als Jünger Jesu angesichts üblicher Tricks und Machenschaften, die mehr oder weniger offensichtlich Tendenzen zur Illegalität haben?
Solche Fragen führen immer wieder zu Gewissensnöten und zu Auseinandersetzungen unter Christen über den rechten Weg. Sie spielen erst recht bis in die obersten Hierarchien der Kirche eine Rolle wie z.B. beim Papst im Umgang mit der chinesischen Regierung angesichts der Situation der Katholiken dort, die zum Einen in der von Rom unabhängigen, staatlich legitimierten Kirche leben und andererseits in der Untergrundkirche um ihres Glaubens willen.
„What would Jesus do"? (Was würde Jesus tun?) Dieses Motto einer amerikanischen christlichen Jugendbewegung verweist uns darauf, Hilfe und Wegweisung für diese Fragen bei ihm zu suchen.

Jesus in der Auseinandersetzung mit Pharisäern und Schriftgelehrten

In der Auseinandersetzung mit Pharisäern und Schriftgelehrten fällt eine Szene auf, die direkt das Thema Steuern und damit auch das rechte Verhalten zur Obrigkeit anspricht. In den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas steht diese Episode in einem bestimmten Zusammenhang.
(Mt 22,15-22; Mk 12,13-17; Lk 20,20-26).
Jesus war eingezogen in Jerusalem und ist durch einige Aufsehen erregende Taten und Reden aufgefallen. Deshalb hat sich für die religiösen und auch die weltlichen Führer unausweichlich die Frage nach seiner Vollmacht gestellt. Um ihn, diesen für sie äußerst unbequemen Zeitgenossen, aus dem Weg zu schaffen, hatten sie sich eine raffinierte Strategie ausgedacht. Mit einer echten Fangfrage wollten sie ihn unschädlich machen. Dazu schickten die Pharisäer nicht nur Schüler aus ihrem religiösen Lager, sondern auch noch Anhänger des Herodes, also Parteigänger des weltlichen Machthabers zu Jesus.
Nach ersten schmeichlerischen Worten voller Heuchelei - mit denen sie eigentlich ungewollt fast unübertrefflich die Wahrheit über Jesus aussagten - kam diese Frage an ihn: „Sage uns, was du denkst: Ist es erlaubt, dem Kaiser die Steuer zu bezahlen oder nicht?"
Es war klar, dass Jesus sich mit den üblichen möglichen Antworten nur größte Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten einhandeln würde. Entweder würde er sich, wenn er die Steuerpflicht bejahen würde, als Volksverräter gegenüber seinen jüdischen Landsleuten outen oder er wäre als Rebell und Aufrührer gegenüber dem römischen Statthalter anzusehen, wenn er sie verneinen würde. Eine solche Frage erzeugte eine ungeheure Spannung.

Man muss Gott mehr gehorchen...

Man könnte sie ja auch für heute ausdehnen: Soll oder muss man als Christ den Ansprüchen des Staats und der Gesellschaft gerecht werden oder ist es aufgrund der Herrschaft Jesu Christi nicht immer wieder nötig, zivilen Ungehorsam zu zeigen, mit allen Konsequenzen?
Einerseits wissen wir darum, dass die Obrigkeit letztlich von Gott eingesetzt ist und daher jeder ihr untertan sein sollte, wie uns der Apostel Paulus mahnt (Röm 13,1). Von daher wäre eine Verneinung der Steuerpflicht aus biblischer Argumentation heraus klar abzulehnen.
Schließlich beten wir ja auch nach Gottes Willen für jegliche Obrigkeit und wollen der Stadt Bestes suchen.
Andererseits kennen wir die Antwort der Apostel mit Petrus als ihrem Sprecher, als sie sich vor dem Hohen Rat zu verantworten haben (Apg 5,29): „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen". Das zeigt die Möglichkeit auf, aus Gewissensgründen, die vom christlichen Glauben herrühren, Erwartungen und auferlegte Pflichten von Obrigkeiten zu ignorieren, sich gegen solche Anweisungen zu stellen.

Die Antwort Jesu

Was zeigt uns nun die Antwort Jesu dazu? Wir wissen um seinen souveränen und überraschenden Umgang mit dieser Fangfrage. Nachdem er sich die Silbermünze mit dem Bild des Kaisers hat zeigen lassen, gab er zur Antwort: „Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist." Für ihn war die Frage so, wie sie gestellt wurde, nicht relevant.
Es ging ihm nicht darum, einen religiösen Katechismus aufzustellen, in dem zu den Einzelfragen des Lebens die richtigen Antworten stehen. Er machte eigentlich nicht einmal eine Aussage darüber, ob man Steuern zahlen soll oder nicht oder ob die römische Herrschaft zu Recht bestand oder nicht. Im Grund genommen überließ er solche Fragen zu weltlichen Dingen dem Verstand und Urteil der Zuhörer selbst. Sie mussten dies selbstverantwortlich vor ihrem eigenen Gewissen und vor den Trägern obrigkeitlicher Gewalt entscheiden, mit allen Konsequenzen.
Viel wesentlicher darüber hinaus war ihm jedoch eine andere Klarstellung. Wie legitim und von welcher moralischen Autorität auch immer die existierende Obrigkeit gewesen sein mag, über allem steht unanfechtbar Gott. Mit Ihm haben wir es stets zuerst und zuletzt zu tun.
Ihm gegenüber gilt es, sein Leben zu verantworten, inmitten dieser Welt.
Jesus selbst, wahrer Gott und wahrer Mensch, hat es vorgelebt. Er, der Gottessohn, ist ganz und gar eingegangen in diese Welt, in unser Menschsein. Als wahrer Mensch ist er in die natürlichen Gegebenheiten und auch in die Ordnungen gesellschaftlichen Lebens eingegangen. Er war ganz in der Welt, aber er war nicht von dieser Welt. Er lebte hier ohne Sünde, d.h. aus der ständigen Verbindung mit dem himmlischen Vater, Ihm gegenüber in völligem Vertrauen und Gehorsam. So ist mit ihm der Anbruch des Reiches Gottes geschehen, was ihn automatisch in eine zunehmende Spannung zum üblichen Verhalten, zu den üblichen Maßstäben dieser Welt, auch der religiösen, brachte. Diese Spannung hat er, obwohl er die Möglichkeit dazu gehabt hätte (siehe Mt 26,53), bis zum bitteren Ende ausgehalten und nicht einseitig aufgelöst. Das ist zum Heil der ganzen Welt geschehen, das ist der unüberbietbare Ausdruck der Liebe Gottes zur Welt.

Jesus der Weg

Zur Frage, wie sich irdische Reiche und das ewige Reich Gottes zueinander verhalten, ist das rechte Erkennen des Wesens und so der Person Jesu Christi entscheidend. Nicht umsonst wurde auf dem Konzil von Chalcedon 451 n. Chr. bezüglich des Verhältnisses der menschlichen und göttlichen Naturen Christi festgestellt, dass sie weder getrennt noch vermischt werden dürfen. Für den Christen in dieser Welt, der durch seine Erlösung schon Anteil an einer neuen Welt, am Reich Gottes hat, ist dies fundamental wichtig.
Die Gefahr ist, diese dadurch gegebene Spannung aus vermeintlich guten Gründen aufzuheben. Wenn jedoch die Realitäten dieser Welt übersprungen werden oder man sich aus frommen Gründen davon fernhalten will, gerät man in eine verhängnisvolle Schwärmerei. Bekommt allerdings die Diesseitsorientierung mit ihren Gesetzen ein zu großes Gewicht, und sei es aus religiösen Gründen im Sinne einer falschen Vorwegnahme des Reiches Gottes, dann fällt man auf der anderen Seite vom Pferd, auf der Seite der menschlichen Machbarkeit bezüglich der Vollendung der Wege Gottes. Die Schöpfung einerseits sowie Erlösung und Vollendung andererseits dürfen also weder auseinander fallen noch sich vermischen, sondern sie durchdringen sich. So bewahrheitet sich in allen diesen Fragen die Selbstaussage Jesu: „Ich bin der Weg."

Spannung der Liebe Gottes

Martin Buber hat es einmal so ausgedrückt: „Es will mir jedoch scheinen, dass es in unserer Weltstunde überhaupt nicht darauf ankommt, feste Lehre zu besitzen, sondern darauf, ewige Wirklichkeit zu erkennen und aus ihrer Kraft gegenwärtiger Wirklichkeit standzuhalten."
Im Brief an Diognet (Ende des zweiten Jahrhunderts) werden die Christen u.a. so charakterisiert: „Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde; jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde. Sie heiraten wie alle andern und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie sind im Fleische, leben aber nicht nach dem Fleische. Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben, sie sind arm und machen viele reich..."
Weiter heißt es dann über ihre Stellung in der Welt: „Was im Leibe die Seele ist, das sind in der Welt die Christen. Wie die Seele über alle Glieder des Leibes, so sind die Christen über die Städte der Welt verbreitet. Die Seele wohnt zwar im Leibe, stammt aber nicht aus dem Leibe; so wohnen die Christen in der Welt, sind aber nicht von der Welt... Die Seele liebt das ihr feindselige Fleisch und die Glieder; so lieben auch die Christen ihre Hasser, die Seele ist zwar vom Leibe umschlossen, hält aber den Leib zusammen; so werden auch die Christen von der Welt gleichsam in Gewahrsam gehalten, aber gerade sie halten die Welt zusammen. Unsterblich wohnt die Seele im sterblichen Gezelte; so wohnen auch die Christen im Vergänglichen, erwarten aber die Unvergänglichkeit im Himmel... In eine solche Stellung hat Gott sie versetzt, und sie haben nicht das Recht, dieselbe zu verlassen."

Walter Goll

Bibelverse
  Stelle Verse
Pfeil Johannes 6,53 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.
Pfeil Johannes 7,46 Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen.
Pfeil Matthäus 7,29 denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.
Pfeil Johannes 8,46ff Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes; ihr hört sie deshalb nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. Da antworteten ihm die Juden: Sagen wir nicht mit Recht: Du bist ein Samariter und von einem Dämon besessen?
Pfeil Markus 10,17ff Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!
Pfeil Johannes 14,6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
Pfeil Lukas 6,24-26 Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.
Pfeil Markus 10,24-27 Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich
Pfeil 1,Johannes 5,4 Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube.
Pfeil Matthäus 22,15-22 Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Als sie das hörten, waren sie sehr überrascht, wandten sich um und gingen weg.
Pfeil Markus 12,13-17 Einige Pharisäer und einige Anhänger des Herodes wurden zu Jesus geschickt, um ihn mit einer Frage in eine Falle zu locken. Sie kamen zu ihm und sagten: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und dabei auf niemand Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person, sondern lehrst wirklich den Weg Gottes. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen? Er aber durchschaute ihre Heuchelei und sagte zu ihnen: Warum stellt ihr mir eine Falle? Bringt mir einen Denar, ich will ihn sehen. Man brachte ihm einen. Da fragte er sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Da sagte Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Und sie waren sehr erstaunt über ihn.
Pfeil Lukas 20,20-26 Daher lauerten sie ihm auf und schickten Spitzel, die sich fromm stellen und ihn bei einer (unüberlegten) Antwort ertappen sollten. Denn sie wollten ihn der Gerichtsbarkeit des Statthalters übergeben. Die Spitzel fragten ihn: Meister, wir wissen, dass du aufrichtig redest und lehrst und nicht auf die Person siehst, sondern wirklich den Weg Gottes lehrst. Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Er aber durchschaute ihre Hinterlist und sagte zu ihnen: Zeigt mir einen Denar! Wessen Bild und Aufschrift sind darauf? Sie antworteten: Die des Kaisers. Da sagte er zu ihnen: Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! So gelang es ihnen nicht, ihn öffentlich bei einem (unüberlegten) Wort zu ertappen. Sie waren von seiner Antwort sehr überrascht und schwiegen.
Pfeil Römer 13,1 Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt.
Pfeil Apg. 5,29 Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Pfeil Matthäus 26,53 Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?
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