Ökumenischer Christusdienst
 

Christenverfolgungen und das Leid in der Welt

Steh auf, stell dich auf deine Füße!
Denn ich bin dir erschienen,
um dich zum Diener und Zeugen
zu erwählen für das, was du gesehen hast
und was ich dir noch zeigen werde.
(Apg 26,16)

 

Diese klare Weisung bekommt Paulus auf der Straße nach Damaskus. Er hört die Stimme Jesu. Im Rückblick kann der Apostel sagen: Ich habe mich der himmlischen Erscheinung nicht widersetzt! Im Gegenteil. Paulus lässt sich überwältigen und gibt sein ganzes Leben als Diener und Zeuge für Jesus Christus hin. Er will keinen eigenen Vorhaben und Zielen mehr nachgehen, sondern sich den Absichten Jesu völlig überlassen und als treuer Wahrheitszeuge für Ihn eintreten. -

Jesus ruft Menschen, dass sie Seine Boten sein sollen und mit Ihm den Oekumenischen Christusdienst ausrichten. In welcher Haltung soll dieses Zeugnis geschehen und wohin kann es die Boten führen? Darauf versuchen wir eine Antwort.

“...ihr werdet meine Zeugen sein bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8)

Verschiedene christliche Gruppen und Menschenrechtsorganisationen setzen sich für verfolgte und gefangene Menschen ein. Regelmäßig werde ich aufgefordert, eine Postkarte und Eingabe zu unterschreiben und an einen Staatsmann oder eine Behörde irgendwo auf der Welt zu schicken. Ich werde gebeten, meine Stimme zu erheben und für einen bestimmten Menschen einzutreten, dem Unrecht getan wird. Es ist bekannt, dass solche Gesten der Solidarität immer wieder etwas bewirkt haben: Gefangene bekamen einen Anwalt und damit ein ordentliches Gerichtsverfahren; manche wurden freigelassen, oder für die Opfer von Gewalttaten wurde gesorgt.

Obwohl ich generell solche Gesten christlicher und menschlicher Hilfe gutheiße, zögere ich doch manchmal; immer wieder habe ich Aktionen auch nicht unterstützt, und das lag nicht daran, dass ich die Portokosten scheute. Am liebsten würde ich diese bedrohlichen Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. Doch wenn ich Bitten um Solidaritätsbekundungen auch schon oft beiseite legte, tat ich es mit schlechtem Gewissen. Denn bin ich nicht begünstigt?

Selbstverständlich Christsein?

Ich lebe in einem Land, in dem jeder ungehindert christliche Gottesdienste und Versammlungen besuchen darf. Ich muss nicht damit rechnen, ernstlich benachteiligt zu werden, weil ich mich als Christ bekenne. Ich muss nicht fürchten, nachts abgeholt zu werden und in einem Gefängnis einfach zu verschwinden. Aber ich weiß: Für viele Christen dieser Erde gibt es diese Selbstverständlichkeiten nicht.

In Vietnam wurden im vergangenen Jahr wiederholt Christen zur Schwerarbeit in speziellen Lagern gezwungen. Aus der Inneren Mongolei sind Namen von Menschen bekannt, die ohne Prozess wegen illegaler religiöser Aktivitäten jahrelang in Arbeitslagern festgehalten werden. Immer wieder war in den letzten Monaten aus Indonesien zu hören, dass Kirchen niedergebrannt und Christen gewaltsam zum Islam bekehrt wurden. In Afghanistan kamen die Mitarbeiter einer christlichen Hilfsorganisation glücklich wieder frei, obwohl ihnen die Todesstrafe angedroht war. Viele andere Länder und Kulturen sind auch zu nennen: Sudan und Nigeria, Pakistan und Indien, Burma und Russland usw. Die Hilfsaktion Märtyrerkirche, die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, die Gruppe Christliche Solidarität, Kirche in Not/Ostpriesterhilfe, Ärzte ohne Grenzen und viele weitere Initiativen von Orden oder Missionsgesellschaften berichten regelmäßig und ernsthaft von den Herausforderungen, dem Leid und dem Zeugnis von Christen, die so ganz andere Lebensumstände vorfinden als wir in Mitteleuropa.

Im Jahr 1988 starben schätzungsweise 300.000 Christen aller Konfessionen wegen ihres Glaubens. Im Jahr 2000 waren es “nur noch" etwas mehr als die Hälfte. Angesichts von sechs Milliarden Menschen auf der Erde fallen beide Zahlen statistisch nicht ins Gewicht (ca. 0,003 %). Dennoch steht hinter jeder Ziffer ein glaubender, hoffender, betender, bedrohter Mensch. Es ist zu beobachten, dass zur Zeit keine Religionsgemeinschaft so verfolgt wird, wie die Christenheit. Die Zahl derer, die dabei ihr Leben verlieren, steigt wieder. Die Ausweitung des fundamentalistischen Islam, das Wachstum des politischen Hinduismus und das Entstehen neuer Diktaturen in Afrika hat dazu geführt, dass Christen verstärkt schikaniert, vertrieben und gefoltert werden oder in Lebensgefahr geraten sind. Unbekannt ist die große Zahl derer, die keine öffentlichen Gottesdienste oder Versammlungen besuchen dürfen, deren Kindern eine höhere Ausbildung verwehrt wird oder die selbst an ihrem Arbeitsplatz benachteiligt sind.

Bedauern oder wirklich mitleiden?

Viele Christen in Mitteleuropa und in Nordamerika “wissen" um diese Tatsachen. Doch bei den meisten bleibt es bei einem bloßen Bedauern. Wenige sind aufgeschreckt. Auch nach den Terroranschlägen von New York halten viele die gewaltsamen Verfolgungen von Christen nur für “Ausrutscher" in einem wie oft leichthin angenommen wird ansonsten doch von Toleranz geprägten Miteinander von Muslimen und Christen. Tatsächlich hat die Rechts und Werteordnung der westlichen Welt in den letzten Generationen ein weitgehend friedliches Miteinander der Religionen ermöglicht. Doch als Christen, die die Freiheit in unserer Gesellschaft für selbstverständlich halten und die die Erleichterungen unseres Wohlstandes schätzen, neigen wir dazu, unangenehme Tatsachen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wir ermessen oft zu wenig, was es bedeutet, seinen Glauben in einer von Misstrauen und Ablehnung geprägten Umwelt zu leben und zu bezeugen.

Doch gerade von Mitteleuropa gingen in der Vergangenheit immer wieder die Botschaft und Hoffnung aus, dass sich die weltweite Christenheit als der eine Leib Christi erkennt. Mit ihrem Zeugnis von Einheit und Ganzheit erheben Christen ihre Stimme für diejenigen, deren Stimme heute nicht gehört oder unterdrückt wird. Denn die Kirche und Gemeinde Jesu Christi kann nicht schweigen, solange ihre Brüder und Schwestern um ihres Bekenntnisses willen gefangen, misshandelt und umgebracht werden. ... wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit (1. Kor 12,26).

Jesus annehmen oder ablehnen.

Unsere Sympathie (=“Mitleid" im eigentlichen Wortsinn) ist ein Teil vom Leiden Gottes; Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gott sind alle Menschen sympathisch. In unendlicher Geduld wartet und hofft er, dass alle seine Kinder und Geschöpfe sich Ihm zuwenden und den Weg des Heils und des Lebens finden. Christen, die diese göttliche Blickrichtung kennen gelernt haben, leiden überhaupt mit allen Menschen mit, die auch in anderen Religionen als Zeugen und Märtyrer wegen ihrer innersten Überzeugungen verfolgt werden. Sie beherzigen die apostolische Ermahnung, die schon der neutestamentlichen Gemeinde mitgegeben wurde: Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt! (Hebr 13,3)

Schon aus der alttestamentlichen Zeit sind uns Menschen namentlich bekannt, die ihren Glauben und Gehorsam gegenüber dem lebendigen Gott bezeugten und daher in Leidenssituationen kamen (Elia, Jeremia u.a.). Vor allen aber war es Jesus selbst, der Gott mehr gehorchte als den Menschen. Im letzten Buch des NT bekommt er den hoheitlichen Titel treuer Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden (Offb 1,5). Er heißt Amen und ist der wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes (Offb 3,14). Sein Zeugnis wird durch den gewaltsamen Tod am Kreuz glaubwürdig, und Gott bestätigt es durch die Auferweckung aus dem Grab. Damit erfüllt sich, was Jesus in seinem Verhör vor Pilatus als Ziel seines Lebens ausgesagt hatte. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme (Joh 18,37).

Schon zur Zeit Jesu wurden die Menschen, die diese Stimme der Wahrheit hörten, vor die Wahl gestellt, anzunehmen oder abzulehnen. Nikodemus fand sich im nächtlichen Gespräch mit Jesus an diesem Punkt wieder. Und Jesus hielt ihm vor: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an! (Joh 3,11) An Jesu Zeugnis der Wahrheit scheiden sich seither die Geister. Wer Jesus folgt, lässt sich auf die völlige Hingabe ein, die Gott, dem Vater, alles zutraut, die alles von Ihm erwartet und Ihm die Ehre gibt. Wer Jesus annimmt - sein Wort, seine Tat und seine Person - der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist (Joh 3,33). Wer aber Jesus nicht folgt, bringt zum Ausdruck, dass er sich gegen Gottes Anspruch und Weisung stellt. Er weigert sich, sein Selbstbestimmungsrecht Gott zu überlassen, und es ist in der Folge nur ein kleiner Schritt, Jesus abzulehnen und ihn zu hassen. Am Widerstand derer, die Gott in Jesus nicht erkannten oder erkennen wollten, wurde der treue und wahrhaftige Zeuge Gottes unter den Menschen zerbrochen.

Die Jünger sind nicht über dem Meister.

Die Erstlinge unter den Nachfolgern Jesu waren die Jünger, die von Anfang an bei ihm gewesen sind. Als Zeugen seiner Verkündigung, seines Wirkens und seines ganzen Lebens, besonders aber als Zeugen seiner Auferstehung, konnte Jesus sie durch den Heiligen Geist in die Welt senden. An seiner Statt und in seinem Auftrag wurden sie zu Aposteln des Reiches Gottes und des Evangeliums von der Erlösung. Unter der Zusage, ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zeugen sein... bis an das Ende der Erde (Apg 1,8) wurden sie zu Botschaftern des Auferstandenen.

Weil die Apostel mit großer Kraft Zeugnis ablegten, also Jesus verkündigten, erweiterte sich der Kreis der Zeugen und umfasst schließlich alle, die dem Auferstandenen zugehören. Doch diese alle stehen nicht über ihrem Meister. Bereits mit Stephanus wird deutlich, dass die nachfolgenden Zeugen wie Jesus auch damit rechnen müssen, abgewiesen und missverstanden zu werden. Dabei sind es nicht geistige oder intellektuelle Ansprüche, nicht ein Geheimwissen für besonders Eingeweihte, auch keine ethischen Leistungsforderungen, die den Widerstand hervorrufen. Es ist das schlichte Zeugnis des Evangeliums von der rettenden Tat Jesu, das Gott, der gerechte und barmherzige Vater aller Menschen, bestätigt hat; dieses Evangelium, das Gottes Herrschaft in Liebe über alle Welt verkündigt, weckt den Protest aller eigengesinnten Menschen und kann Jesu Jünger bis heute Leiden und Tod bringen.

Jesus hatte den Jüngern nicht verschwiegen, wohin ihr Zeugnis sie führen würde: Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe (Mt 10 ,16ff). Doch: Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen (Mt 5,11).

Als Bürger Europas halten wir uns für aufgeklärt und tolerant. Mit den Erinnerungen an die furchtbaren Kriegszeiten des letzten Jahrhunderts scheint es heute vielen unvorstellbar zu sein, dass Menschen aus echten Glaubensgründen einander blutig bekämpfen. Gewalt, die von Christen einmal ausging oder ausgehen sollte, verabscheuen wir als Rückschritt in rechtlose, unzivilisierte Zustände. Doch wir dürfen nicht die Augen und Herzen davor verschließen, dass es Christen gibt, die genötigt werden, ihr Glaubenszeugnis immer noch und wohl noch lange mit dem Einsatz von Hab und Gut und unter der Gefährdung von Freiheit und Leben zu erbringen. Dass Menschen um ihres christlichen Glaubens willen benachteiligt, verspottet und sogar verfolgt werden, bleibt eine Realität. Wie wir dabei einander beistehen können, mit Gebet und Protest, mit Geld und unserem eigenen Lebenszeugnis, dazu gebe uns der Heilige Geist seine Kraft, Weisheit und Liebe.
Michael Decker

[Wer sich weitergehend mit den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Zusammenhängen befassen möchte, findet Informationen in: Max Klingberg (Hrsg.) Märtyrer heute, Eine Dokumentation zur weltweiten Diskriminierung und Verfolgung von Christen, Asslar 2000]

wikipedia.org/wiki/Märtyrer

“Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden" (Mt 5,4)

Genauer übersetzt heißt der Vers: Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Wer wagt einen solchen Satz einem trauernden Menschen zu sagen? Jesus! Nachdem er 40 Tage in der Wüste gehungert hatte und vom Teufel dreimal versucht war, heißt es von ihm: Er verkündete das Evangelium vom Reich... Man brachte Kranke mit den verschiedensten Gebrechen und Leiden zu ihm, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte, und er heilte sie alle. Wundert's uns, dass man ihm nachläuft? Er aber steigt auf einen Berg und lehrt die Menge. Und dann folgt die gesamte Bergpredigt, der unser Wort entnommen ist. Erst die Tat, die sich das Volk gerne gefallen lässt, und dann die Lehre, die wir im Ernstfall nicht zu wiederholen wagen. Das Evangelium allerdings berichtet von der Wirkung der Lehrpredigt Jesu anderes: ... die Menge war sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Bei Jesus ist Lehre gelebte Wahrheit, durchlittene Wahrheit. Er bringt nicht nur als Zeichen für den Anbruch des Reiches Gottes Heilungen, die so gerne angenommen werden. Er hat Tieferes zu bringen. Er, der dieses vollmächtige Wort sagt, hat über Jerusalem geweint und hat am Kreuz gerufen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Er weiß als Mensch, was trauern, was leiden heißt. Der Hebräerbrief bezeugt: Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt ... Aber er glaubt seinem Vater, dass alles Trauern und Leiden dessen Liebesabsicht und heiligem Plan entspricht. Und darin ist er ja nicht enttäuscht worden: Er ist im Garten Gethsemane gestärkt worden und nach seiner Verurteilung und seinem Opfertod am Kreuz auferstanden und hat den Ehrenplatz zur Rechten Gottes eingenommen. Sein Leben hat bestätigt, was er in Vollmacht gelehrt hat: Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

Seitdem kann das Leiden in unsrer Welt Ewigkeitsqualität haben. Es muss allerdings in dieser Haltung und diesem Gehorsam, wie Jesus ihn vorgelebt hat, durchlebt werden. Denn die ganze Menschheit, die ganze Schöpfung leidet. Wer wollte davor die Augen verschließen? Den Menschen verhärten und verbittern Trauer und Leiden in der Regel oder machen ihn aggressiv, häufig gegen andere, oft auch gegen sich selbst. Der Nachfolger Jesu aber darf seine Trauer und sein Leiden mit Jesus leiden. Er darf es als etwas erkennen lernen, das aus Gottes liebender Führung kommt und ihn zu einer Würde erhebt, die nicht jedem gleichermaßen zuteil wird. Denn er darf sich darauf verlassen, dass die Tröstung, die Jesus verheißt, durch den Heiligen Geist, dessen Name “Tröster" ist, kommt. Dieser Tröster hat Stephanus bei seiner Steinigung den Himmel offen sehen lassen. Und er hat Dietrich Bonhoeffer bei aller Schwäche eine Stärke ausstrahlen lassen, die ihm beim Wachpersonal Bewunderung verschafft hat. Ungezählte Menschen haben diesen Tröster erfahren und bezeugen, dass sie in schmerzvollen Situationen und abgrundtiefen Bedrängnissen in einem Frieden geborgen waren, den sie nur als Geschenk bedanken können. Aber nicht nur das, sondern die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken, bezeugt der Apostel Paulus in 2Kor 4,17+18.

Darum ist es wichtig, schon Kindern nicht vorgaukeln zu wollen, Leiden und Trauern seien außerordentliche und möglichst perfekt zu vermeidende oder zu fliehende Lebensausnahmesituationen. Trauern und Leiden trifft alle - früher oder später. Die entscheidende Frage ist, wie ich Trauer und Leiden mit Jesus in Verbindung bringen lerne, wie ich durch den Heiligen Geist fähig werde, mich im Vertrauen auf die Liebe Gottes ganz in der schmerzvollen Situation Gott auszuliefern. Wer etwas davon erfahren hat, wird nicht als besserwissender Schriftgelehrter abgetan werden können, wenn er bezeugt: Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

Dorothea Vosgerau

Ein spezielles Zeugnis der Tat aus dem christlichen Glauben geben die Mitglieder der Christusträgerbruderschaft durch ihre Hilfe für Kranke und Arme in verschiedenen Ländern. Mit freundlicher Genehmigung geben wir einen Bericht aus der Station Vanga im Kongo wieder:

Sehr verehrte, liebe Freunde!

Wussten Sie schon, dass die Geschichte von Hans im Glück mit wirklicher Armut nichts zu tun hat? Dass jede Romantisierung der Armut reiner Unsinn ist? Dass Armut das Fehlen jeder Sicherung bedeutet? Man lebt, ohne zu wissen wovon. Ob man morgen etwas zu essen bekommt oder hungrig bleibt, ob man einen geschützten Platz zum Schlafen findet oder frierend auf einer Betonplatte liegt, ob man gesund oder krank aufwacht, ob man Hilfe für seine Schmerzen bekommt oder nicht, ob das zerrissene Kleid noch hält oder ganz zerfällt, ob das schreiende Kind aus der Brust wenigstens soviel Milch saugen kann, dass es einschläft und nicht ständig wimmert, ob man ein Stückchen Seife findet oder dreckig bleibt, ob man den Tag überlebt oder nicht. Aber es gibt noch schlimmere Varianten: etwa da, wo die Menschen im Osten des Kongo ihre armseligen Dörfer verlassen, wenn fremde Soldaten kommen, und tagelang mit nichts in den Wäldern hausen, wenn Frauen bei familiären Todesfällen durch Hellseher der Täterschaft bezichtigt und mit ihren Kindern gnadenlos aus der Familiengemeinschaft ausgestoßen werden, wenn Männer ihre kranken Frauen verlassen und diese ein Bettelleben führen müssen, wenn alte Menschen verhungern, weil keiner für sie sorgt, wenn Aidskranke immer hinfälliger werden und sich alle von ihnen abwenden. Unausdenkbar erst recht die Lage der Gefangenen.

Armut hat viele Gesichter, aber nie den Touch des Romantischen.

Sie macht die Menschen hart und unempfindlich für die Not der anderen, jeder kämpft um das eigene Überleben und das seiner Kinder. Und doch gibt es auch bei uns Überraschungen der Freude, Lichteinfälle, Hoffnung, Szenen der Heiterkeit, ergreifende Bilder selbstloser mütterlicher Liebe, Geduld und Hingabe. Wenn ich abends am Alten Pavillon vorbeigehe, da, wo diese ganz Armen untergebracht sind, höre ich nicht selten, wie sie ihre schönen Lieder singen und beten, bevor um 21 Uhr das Generatorlicht ausgeht. Man sieht manchmal unter ihnen sogar lachende Gesichter, für kleine Späße sind sie immer zu haben...

Sie mögen fragen: Was ist der Sinn des Ganzen? Nimmt nicht die Verarmung in Afrika ständig zu, fällt das, was getan wird, überhaupt ins Gewicht?

Unsere Antwort hat einen einzigen Bezug: Die Liebe Jesu Christi. Der Sohn Gottes hat die Armut freiwillig auf sich genommen. Er hatte kein Zuhause, wo er schlafen konnte. In allen Dingen des täglichen Lebens machte er sich abhängig von der Unterstützung durch andere. Macht-, schutz- und wehrlos endete sein Leben in absoluter Armut und Entblößung am Galgenholz der Verbrecher. Durch Seine Entäußerung, Seinen Opfertod und Seine Auferstehung vollbrachte er nach dem Vorsatz Gottes das Heil für alle Menschen und alle Kreatur. Er sagt: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Diese Identifizierung Christi mit den Armen wird Menschen zu allen Zeiten bewegen, den Armen zu helfen aus Dank für das, was Jesus Christus für uns getan hat, und aus Liebe zu Ihm.

Zum Schönsten, was ich in Vanga beobachte, gehören alte kranke Ehepaare, von denen ein Teil den anderen pflegt. Das geschieht oftmals mit einer solchen Zartheit, Treue und Hingabe, dass ich immer tief berührt bin. In dieser schweren Lebenssituation erfährt menschliche Liebe ihre wunderbare Vollendung, und die Armut tut das ihre, diesem Zeugnis der Treue das Siegel des Wahrhaftigen aufzusetzen. Stellvertretend für alle nenne ich Tata Mabita, einen ehemaligen Gouverneurssekretär und Historiker, der seine schwer leidende Gattin drei Jahre lang aufs liebevollste begleitete und pflegte. In seiner Persönlichkeit verbinden sich christlicher Glaube, Vornehmheit, Intellektualität und Bescheidenheit zu einem eindrücklichen Bild afrikanischen Menschseins.

Verwandlung von Menschen durch den Geist des lebendigen Christus, das ist ein erregendes Thema. Manchmal geschieht sie ganz offensichtlich, manchmal kann man sie nur ahnen, wenn ein durch und durch behinderter Mensch sein äußerst einfaches Dasein dankbar und zufrieden annimmt. In diesem Zusammenhang möchte ich zwei Blinde nennen, die zu den zufriedensten Menschen zählen, die ich kenne. Der erste ist Alain Katay, 33 Jahre alt, der mit 18 Jahren erblindete. Wenig später erlebte er eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus und die Umwandlung seiner Persönlichkeit. Als katholischer Laie weiß er sich seit vielen Jahren zum Evangelisten berufen und besucht in dieser Eigenschaft zweimal im Jahr Vanga und andere Orte unserer Provinz, dabei immer auf die Hilfe anderer und die Führung durch einen Freund angewiesen, immer freundlich, humorvoll, zufrieden und zum Zeugnis für Christus bereit. Der zweite ist Tata Seleme, älter als Alain, der immer wieder zu längeren Aufenthalten nach Vanga kommt. Er ist völlig allein. Seine einzige Habe ist ein zerschlissener Beutel, in dem er seine wenigen Habseligkeiten mit sich herumträgt. Mit einem Stock tastet er seine Wege ab. Er ist kein Prediger, ich habe noch nie ein spontanes Glaubenszeugnis von ihm gehört. Aber er ist ein durch und durch zufriedener Mensch und sagt bei Nachfragen immer mit Nachdruck, dass es ihm gut gehe, dankbar für ein paar Erdnüsse, für das tägliche Essen, für die Decke, die ihm nachts irgendwo draußen als Lager dient. Jeden Sonntagmorgen steht er um 7 Uhr an unserm Gartentor und holt sich Brot, Bananen, Erdnüsse und eine Dose Ölsardinen ab, für ihn Inbegriff des Paradiesischen. Bevor er geht, bittet er um ein Gebet. Dann nimmt er wieder seinen Stock und tastet sich auf den Weg, der ins Hospital führt.

Ich schließe mein Lob auf den Einen, auf den alle Liebe in dieser Welt zurückgeht. Alles, aber auch alles, was wir an Liebe empfangen und weitergeben, haben wir Jesus Christus, unserm treuen Herrn und Erlöser, zu verdanken, dem Sohn Gottes, der, ob Er wohl reich war, arm wurde um unsretwillen, damit wir durch Seine Armut reich würden...

Reinhard Beaupain, CT

 

 

Wer aber irdischen Besitz hat

und sieht seinen Bruder Mangel leiden

und verschließt sein Herz vor ihm,

wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?

(1Joh 3,17)

 

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