Vom Geheimnis Israels

Vor 60 Jahren, am 14. Mai 1948, wurde der Staat Israel durch seinen ersten Präsidenten David Ben Gurion in Tel-Aviv proklamiert - ein wahrhaft merkwürdiges, weltgeschichtlich einmaliges, erfreuendes und erschütterndes Ereignis!
Wer den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Gott der Propheten und den Vater Jesu Christi kennt, wird in dieser Zeit vermehrt Jerusalem und Israel von Herzen Glück wünschen: Es möge wohl gehen denen, die Dich lieben. Es möge Frieden sein... Innerhalb und außerhalb Deiner Grenzen, Frieden auch Deinen Nachbarn, ja, auch Deinen Hassern!
Auch geben die zurückliegenden fünf Jahrzehnte den Gottesmenschen in aller Welt reichlich Anlaß zum Dank an Gott mit und über Seinem erwählten Volk, für Sein Leiten, Segnen und Bewahren, zugleich zu Schmerz und Beugung über soviel vergossenes Blut und mannigfache Schuld, von der kein Volk ausgenommen ist.
Daß in all diesem Geschehen verborgen die ausgestreckte, mächtige Hand des Hüters Israel waltete, gehört nun schon zu dem Geheimnis, von dem wir reden. Gottes Geheimnisse werden nicht mit dem Verstand enträtselt - es bedarf der Offenbarung von oben, um sie zu erahnen und zu schauen. Noch ist Israels Geheimnis vielen verborgen. Was jedoch heute noch - je nach Standpunkt - als unbegreiflich, unerforschlich, verborgen, ja absolut unmöglich, ungöttlich, entsetzlich, grausam - einfach Gottes unwürdig - dem wahren Gott vorgeworfen wird, muß dann, wenn die Decke ganz weggenommen wird, geläutert aufgehoben sein in der ungetrübt frohen Erkenntnis und dem Jubel: ER hat alles wohlgemacht!
Natürlich gehören für sehende Augen zum Geheimnis des Gottesvolkes auch all die erstaunlichen Leistungen dieses kleinen Volkes, seine schöpferische Kraft und Fruchtbarkeit in allen Bereichen von Kunst und Wissenschaft, Landwirtschaft und Wehrtechnik, Tatsachen, die eigentlich erst im 20. Jahrhundert allgemein erkannt und anerkannt wurden.
Wir richten unseren Blick aber auf etwas ganz Einfaches und doch nicht nur vielen Juden Verborgenes: Christen, das sind wörtlich übersetzt in die Sprache Israels, “Messianer”, Leute, die an den Messias Israels glauben. Der kam - anders als erwartet und doch dem prophetischen Zeugnis gemäß - als Lamm Gottes, als für uns gekreuzigter, und ist so durch sein Opfer zum Heil der Welt geworden. So bezeugt es der Prophet: Es ist ein geringes, daß du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels wiederzubringen; sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, daß du seist mein Heil bis an der Welt Ende! Und der Apostel betont: für die Juden zuerst, dann auch für die Heiden!
Wenn das wahr ist, und es gehört für uns Christen zum Fundament unseres Glaubens, dann kann und darf und wird es nicht so bleiben, daß der Messias - Ziel und Erfüllung aller Gotteszusagen an Israel - in Seinem Volk als ein Fremdling, ja schlimmer, als verfluchter Feind und Verführer, als “Un-Person” gesehen wird. Dankbar für das Heil, das von den Juden kommt, erhoffen und erwarten wir mit den Aposteln und den messianischen Juden aller Zeiten in heiliger Sehnsucht den Zeitpunkt, wo nach manchen Irrwegen (die auch in Gottes Plan einbezogen sind, sogar zu unserem Heil) das ganze Israel dem in Herrlichkeit wiederkommenden Messias Jesus das Benedictus “qui venit in nomine Domini” - Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! - entgegenruft.
Dies Geheimnis sollte euch bewußt sein, ihr Brüder aus den Heiden, damit bei euch nicht ein falscher Stolz aufkomme: (hätten wir doch diese apostolische Mahnung in ihrem ganzen Ernst zu Herzen genommen!): Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren so lange, bis die Zahl der Heiden erfüllt ist (also uns zugut!) Und so wird dann das ganze Israel errettet!
Gewiß ist es schon eine einfache Pflicht der Dankbarkeit, daß durch uns Christen das Gottesvolk des Sinaibundes für seinen Messias fragend, aufmerksam, nach ihm verlangend gemacht wird. Doch hat es Jesus, der gekreuzigte, auferstandene, wiederkommende Messias nicht in unser Belieben gestellt, Israel sein Heil zu bezeugen. Es ist sein ausdrückliches Gebot - allerdings ein Gebot der Liebe. Wir gehen dem Tag entgegen und sehnen uns danach, da die erlösten Israels und den Christgläubigen aller Völker den Herrn und seinen Gesalbten preisen über dem aufgedeckten gottseligen Geheimnis Seines Heils für Israel und alle Welt. Auch darum lieben wir Sein Erscheinen und rufen: Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt? Ja, komm, Du Wurzel des Geschlechts David, Du heller Morgenstern.
Amen, ja komm, Herr Jesus!
Bruder Walter Faulmüller
Gottes Weg mit Israel und der Kirche
Durch den Segen Gottes über Abraham: ...In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden (Gen 12,3) sind alle Menschen mit dem erstgeborenen Sohn Gottes, Israel (Ex 4,22) zusammengebunden und verwoben. Jesus sagte zu seiner Zeit der Samariterin: Das Heil kommt von den Juden (Joh 4,22). Dies war zu allen Zeiten für einzelne und ganze Völker und Religionen ein schweres Ärgernis. Warum das Volk Israel, die Juden? Die Auserwählung Israels war verbunden mit einem weltumspannenden Auftrag: Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein (Ex 19,6). Daß Israel Licht der Völker (Jes 42,6) sein sollte, hat ihm Verkennung, Schmach und Verfolgung von Anfang an eingetragen. Es wurde zum "leidenden Knecht Gottes" unter den Völkern. Daß Israel sich immer wieder gegen diesen Auftrag stellen wollte, zeigt zur Genüge das Alte Testament, besonders die Prophetenbücher. Aber Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen (Röm 11,29), schreibt der Apostel Paulus. Israel gehört nach wie vor die Kindschaft, die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung (Röm 9,4). Das war nun wiederum für die christliche Kirche ein schwer zu verkraftendes Ärgernis. Denn hatten nicht viele Juden gerufen: Kreuzige ihn (Mk 15,13 u.par.) und: Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche (Lk 19,14)? Die Kirche vergaß sehr schnell, daß Jesus unser Friede ist, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft durch das Opfer seines Leibes (Eph 2,14). Gerade das so oft als antisemitisch angesehene Johannes-Evangelium bezeugt: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! (Joh 1,29), das also aller Menschen Sünde hinweg nimmt (1Joh 2,2).
An Jesus haben sich zu allen Zeiten die Geister geschieden. D.h. an dem was Gott in und durch Jesus getan hat zum Heil aller Menschen.
Daß am Anfang der christlichen Kirche die Juden eine Scheidewand zwischen Juden und Judenchristen (und bald auch gegenüber den Heidenchristen) aufgerichtet haben, wird auch von jüdischen Historikern bezeugt. Über die christlichen Bekenntnisschriften wurde das Verdammungsurteil gesprochen; man stellte sie den Zaubersprüchen gleich (nach Heinrich Graetz). Daß dann aber die christliche Kirche, nachdem sie zu Ansehen und Macht gekommen war, die Juden blutig verfolgte, ist ebenso gut belegt und leider eine furchtbare Tatsache.
Der größte Schock für die Juden in der weltweiten Zerstreuung in dieser Hinsicht war zunächst der Beginn der Pestzeit in Europa (um 1348 n.Chr.) und die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492. Ab da galten sie als die Sündenböcke der Weltgeschichte schlechthin und mußten zwischen Taufe oder Tod wählen. Es ging nicht mehr um das Evangelium Gottes des ganzen Christus Jesus, der nach dem Willen Gottes ein Jude war, sondern um die Verwirklichung einer Vision und Illusion, nämlich der Aufrichtung des Reiches Gottes unter der Herrschaft der Kirche.
Dieser Schock löste aber in den Juden eine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach dem Land der Verheißung aus: "Im nächsten Jahr in Jerusalem", hieß nun beim Passahfest die Parole. Viele Juden wurden damals in der heutigen Türkei, dem damaligen muslimischen osmanischen Reich, mit Freuden aufgenommen. Sie haben nicht nur dieses Reich mit aufgebaut, sondern auch die Kriege mitfinanziert, die gegen das christliche Europa in der Folge geführt wurden.
Zur gleichen Zeit, als in Europa mit Baruch de Spinoza der kritische Rationalismus und seine Interpretation des Judentums aufkam, lebte auch Sabbatai Zwi im osmanischen Reich (1626-1676). Beide sind vom rabbinischen Judentum verschrien und gehaßt worden als Verderber und Verräter, Betrüger und Zerstörer des Judentums. Sabbatai Zwi löste eine weltweite messianische Bewegung im Judentum aus. Einer der bekanntesten jüdischen Gelehrten unseres Jahrhunderts, Gershom Scholem, wies in seiner umfassenden Studie über S. Zwi nach, daß erst der sog. Sabbatianismus es ermöglichte, daß das Judentum aktiv in die neuere Geschichte eintreten konnte. Gerade dadurch, daß die Sabbatianer das tatsächliche Scheitern des Messias Zwi nicht als historisches Faktum akzeptiert haben, wurde der Weg frei für den Eintritt der Juden in die Geschichte, der mit dem Zionismus dann geschehen ist. Mit eine Folge dieses messianischen Aufbruchs war dann auch die Entstehung des Chassidismus. Diese Bewegung ist vielen unter uns durch die "Erzählungen der Chassidim" von Martin Buber bekannt. Diese "messianische Bewegung" ist wesentlich ein Hinweis auf ein Leben in Begeisterung, in begeisterter Freude. Weil aber der Mensch unvollkommen ist und in einer unvollkommenen Welt leben muß, suchte der Chassidismus, der Vollkommenheit eine irdische Stätte zu schaffen. Hier und jetzt soll der Fromme bereits messianische Freude empfinden und erleben.
Dazwischen lag aber auch die immer erneute Bemühung der Christenheit, oft triumphalistisch, die Juden zu Jesus als ihrem Messias zu bekehren. Erst im Umkreis des Pietismus kam es zu einem Verständnis der Bekehrung im Sinne des Apostels, nämlich ..daß ich meine Stammesverwandten zum Nacheifern reizen und einige von
ihnen retten könnte (Röm 11,13f). Gerhard Tersteegen schrieb im Jahre 1737 an seinen Freund Johann Schmitz in Solingen aber warnend: “...Gleichwie ichs nun als eine Unvollkommenheit ansehe, wann erweckte Seelen sich unterwinden, andere bekehren zu wollen, ehe sie selbst durchbekehrt sind, ... also achte ich es noch viel mehr nötig in Ansehung der Juden-Bekehrung, daß man dem Herrn nicht vorlaufe, als wodurch weder uns selbst noch andern geholfen wird, sondern die Gnadenkräfte durch fruchtloses Auskehren vergeblich erschöpft werden..."
Es ist kein Ruhmesblatt für die Christenheit, daß ausgerechnet die Aufklärung die Juden aus den Ghettos befreite und die Französische Revolution für ihre Menschenrechte eintrat. Aber die allgemeinen Versuche einer Emanzipation der Juden und ihre Assimilation scheiterten m.E. daran, daß hier menschliche Gedanken, Grundrechte und Vorstellungen vorherrschten und nicht nach Gottes Willen und Absichten gefragt wurde. So gab es ein böses Erwachen vor allem für die Juden. Zunächst in Rußland als Ende des 19. Jahrhunderts die sog. Pogrome aufkamen. Sie lösten den politischen Zionismus aus. Als dann Theodor Herzl 1894 in Frankreich den Alfred Dreyfus-Prozeß erlebte, trat dieser Zionismus in die Geschichte ein. Der Zionismus ist für die Juden bis heute nicht nur eine Reaktion auf den europäischen Antisemitismus. Vielmehr antworteten die Juden nach ihrem Geschichtsverstand mit dieser Bewegung unter dem Anspruch, eine eigene Heimstätte zu finden, einen Staat zu begründen, auf die Moderne. Im Zionismus suchten sie demnach eine wirkliche Begegnung mit den Herausforderungen der neuzeitlichen Geschichte, traten so also nochmals neu in die Geschichte ein. Damit sahen sich die Juden nach Gershom Scholem nicht mehr nur als Objekte des Handelns der Mehrheitsgesellschaften, sondern als verantwortliche Subjekte des eigenen Schicksals gegenüber den übrigen Nationen bzw. Seite an Seite mit ihnen. Sie erkannten auch, daß eine wirkliche Eingliederung in die bestehenden Gesellschaften für sie nicht möglich ist. Entweder sie gehen in die völlig säkularisierten Gedanken und Vorstellungen der Völker auf, oder sie bleiben ihrem Auftrag als von Gott erwähltem Volk treu und benötigen einen Raum, in dem sie sich ihrer Bestimmung gemäß entfalten können. Daß dies nach der Bibel nur das damals so genannte Palästina sein konnte, war den Frommen und politischen Zionisten klar.
Daß nun aber der Holocaust, die Shoa des Judentums, erfolgte kann hier nur angedeutet werden. Hierfür steht stellvertretend bis heute der Name Auschwitz.
Heinrich Spaemann schrieb einmal darüber: "Es gibt nächst Golgatha keinen Ort in der Welt, der eine solche Leidensnacht gesehen hat - wie Auschwitz. Auschwitz ist die Verdichtung eines in seiner abgründigen schuldhaften Tragik bis dahin nie wirklich erkannten zweitausendjährigen Prozesses schuldhaften Versagens von Getauften in der Bruderliebe..." Dasselbe sagt auch ein messianischer Jude, Benjamin Berger: A...daß durch den Antisemitismus der vielen Generationen viel Haß entstanden ist. Sonst hätten die Nazis nicht soviel gegen die Juden tun können. Es schlummerte schon im Unterbewußtsein der Völker; dadurch hatten die Nazis eine Handhabe. Wenn die Juden über den Holocaust nachdenken, so identifizieren sie ihn mit dem Christentum."
Es gab zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts Christen, die wie stellvertretend für alle beteten: "Wir haben nicht danach verlangt, daß die Kirche aus den Heiden vollendet werde, auf daß Israel nach dem Fleische eben dadurch zu eifern gereizt und selig werden möchte. Wir haben im Gegenteil weniger Treue im Festhalten an Gottes Verheißungen bewiesen als Israel..." Papst Johannes XXIII. hat vor seinem Tode das vor Gott bekannt und ausgesprochen, für sich und die Kirche, was viele Gläubige seit dem Holocaust im Herzen denken und beten: "Wir erkennen nun, daß viele, viele Jahrhunderte der Blindheit unsre Augen gehalten haben, daß wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht sehen und in seinem Gesicht nicht die Züge unseres erstgeborenen Bruders erkennen konnten ... Vergib uns die Verfluchung, die wir in deinem Namen über die Juden aussprachen. Vergib uns, daß wir dich in ihrem Fleisch zum zweiten Mal kreuzigten. Denn wir wußten nicht, was wir taten."
Ja wahrlich, wir können nur mit dem Propheten Daniel in der babylonischen Gefangenschaft beten: Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten... Wir, unsre Könige... und unsre Väter müssen uns schämen, daß wir uns an dir versündigt haben. Bei dir aber, Herr, unser Gott, ist Barmherzigkeit und Vergebung... (Dan 9).
Es war für mich eines der eindrücklichsten Erlebnisse, als ich aus dem Munde eines messianischen Juden hörte, als eine Christin von der Schuld der Christen sprach: "Wir, die Juden, haben gerufen: Kreuzige ihn.., wir wollen dich nicht! Wir (d.h. Juden damals) haben sogar das schreckliche Wort ausgerufen: Dein Blut komme über uns und unsere Kinder ... Ich muß für uns alle vor Gott treten und Buße tun." Derselbe messianische Jude sprach auch davon, "daß die Juden ohne Glauben an Gott in ihr Land zurückgekehrt sind. Nicht nur das, es gab in den Herzen der Juden irgendwie eine Art Rebellion gegen Gott. Denn nach all dem grausamen Geschehen wollten sie nichts mit Gott zu tun haben. Sie wollten es allein schaffen (d.h. den Aufbau des Landes)."
Vielleicht müssen wir alle, Juden und Christen, mit dem Apostel Paulus bekennen: Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Und fährt dann fort: 0 welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege... Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen (Röm 11,32-36).
So stehen wir alle miteinander dort, wo der Prophet Jeremia stand, als er auf den Trümmern Jerusalems betete: Unsre Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen ... Bringe uns, Herr, zu dir zurück, daß wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters! (Klgl 5,7.21).
Für uns Christen gilt vor allem, daß wir angesichts aller Fragen und ungelösten Anfragen an Gott und die Geschichte nicht vergessen sollten, zu bekennen: Es ist in keinem andern das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden... als allein der Name Jesu Christi! (Apg 4,12.10). Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott (2Kor 5,19f).
Diese Botschaft hat die Kirche durch viele Jahrhunderte in vielen Dienern und Dienerinnen durch Wort und Leben, Kraft und Zeugnis beispielhaft verkündet. Aber leider gilt auch, daß die Christenheit bis heute immer wieder in der Gefahr steht, diesen Zeugendienst in triumphalistischen Visionen und Hoffnungen auszuführen. Solchem Tun ist keine Verheißung gegeben. Wir können heute nur demütig bitten: Laß uns als Diener und Dienerinnen Christi Jesu unter allen Völkern und Religionen das Evangelium Gottes priesterlich ausrichten, damit wir alle zusammen ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den heiligen Geist zur Ehre Gottes und zur Heiligung seines Namens, daß sein Wille geschehe und sein Reich gebaut wird (s.a.Röm 15,16).
Bruder Johannes Junger
Die Christen und das Volk der Juden.
Israel war und ist das Menschheitsvolk. Es hat sich nie ohne Gott denken können und so auch nicht ohne die ganze Menschheit. Deshalb hat es stellvertretend für alle nach Erlösung Hungernden in Abraham, Moses und den Propheten, in Maria und den Jüngern das Wort aufgenommen, ihm seinen Leib zu bilden begonnen, dessen Glieder dann auch wir Christen aus den Weltvölkern wurden. Stellvertretend ebenso für alle Sünder hat es in seinen Stolzen und Mächtigen damals Jesus gekreuzigt.
Und dürfen wir länger übersehen, daß es wiederum Israel ist, das gleichsam stellvertretend, seiner unwiderruflichen Nähe zu Jesus entsprechend, in unsäglichen Leiden, die den Weltvölkern erspart bleiben, die Folgen der Sünden getragen hat, mit denen wir alle, Juden und Heiden, Jesus gekreuzigt haben? Das ist die Folge der Sünde: daß der Mensch, der im Hochmut der Sünde Erster sein will, erst Letzter werden muß, um das Heil zu erlangen: daß der Sünder mit Jesus, dem auf Golgatha Letzten der Menschen, erst gekreuzigt werden muß, um mit Ihm aufzuerstehen. Kein Volk der Welt ist Jesus im Leiden so bis zur Kreuzigung ähnlich geworden wie das der Juden. Und Christen haben ihnen dieses Leiden zugefügt und damit auf ihre Weise das Herz ihres Gottes durchbohrt...
Bevor aber der Glaubenstag Israels anbricht, bevor die Decke von den Herzen der Juden genommen wird, die ihnen heute noch ihren Messias verbirgt, müssen da nicht unsre Augen erst sehend werden, daß wir in diesem Volk wieder den Bruder erkennen und lieben, den älteren Bruder im Erbe Gottes? Kann Israel vorher Gott unseren Vater, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, als den seinen erkennen? Erst die Erkenntnis des Bruders ist Gotteserkenntnis - für ihn wie für uns.
Solange der (Eph 2,14-16) offenbarte Erlösungswille des Herrn, uns, Juden und Heiden, in seiner Person zu dem einen neuen Menschen umzuschaffen, die beiden zu dem einen Leibe zu versöhnen durch das Kreuz, nicht konkret verwirklicht ist, solange wir noch nicht der eine neue Mensch sind, müßten wir Christen aus den Heidenvölkern da nicht sagen: ich bin nur ein halber Mensch? - wie eben ein Bruder sagt, dem der geliebte Bruder noch fehlt, mag er sich auch selbst wieder im Vaterhaus wissen. Gibt es denn eine ungeschmälerte Freude beim Vater ohne den Bruder? Im Gleichnis vom verlorenen Sohn ist ja gerade dies das Zeichen der Verlorenheit beider Söhne, daß der eine sich ohne den anderen freuen will.
Nein, die vollkommene Freude wird nicht eher geschenkt werden, die neue gewandelte Welt wird nicht eher anbrechen, als bis die Versöhnung der beiden in der einen erbarmenden Liebe des Vaters geschehen ist, in der Kirche aus Juden und Heiden. Darum aber auch sicher nicht eher, als bis das Gebet des aus Gnade aufgenommenen Jüngeren für den abseits stehenden Älteren heißes Gebet der ganzen Kirche geworden ist.
An der Stelle, wo wir noch nicht eins sind, da sind wir noch nicht heil. Die tiefste Wunde am Leibe Christi, die Herzwunde, ist nach Eph 2,16 die Gespaltenheit zwischen alt- und neubundlichem Gottesvolk. Schließen wird sie sich erst an dem Tage, da wir einander wieder als Brüder erkennen und lieben.
Israel hat versagt im Glauben an die inkarnierte Liebe. Wir, die aus den Heiden kamen, haben versagt am Zeugnis für sie. Wie wir nun - von Gott im Ungehorsam zusammengeschlossen - beide Gottes Erbarmen brauchen (Röm 11,32), so werden wir auch die Fülle des Erbarmens finden, wenn wir uns von Gott im Gehorsam zusammenschließen lassen. Wir brauchen einander. Finden wir zueinander, dann - dann erst - sind die beiden verlorenen Söhne vollends vom Vater wiedergefunden... so erst wird das Antlitz der Kirche erneuert sein. Es wird das ihrer Urtage sein, das ihrer ersten Liebe, das einer Kirche aus Juden und Heiden.
Heinrich Spaemann
(Die Christen und das Volk der Juden, 1966, zit. nach “texte Nr. 7”, Präsenz Verlag 1992)
Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum
Der Versöhnungstag - Jom Kippur - ist der letzte der zehn Bußtage im jüdischen festkalender und der bedeutsamste aller jüdischen Feiertage. Ununterbrochen ziehen sich durch den ganzen Tag Gottesdienste, die ihren Höhepunkt und Abschluß im Blasen des Horns - “Schofar” - finden. Es ist, wie ein Rabbiner bemerkt, als ob in jenen letzten Augenblicken die Zehntausende von Worten, die während des ganzen Tages gesprochen wurden, schließlich ihre Kraft verlören. Wir geben sogar die menschliche Stimme und Ausdrucksweise auf. Wir greifen nach dem “Schofar” und blasen einen langen durchdringenden schrillen Schrei... Dies schließlich muß den Himmel aufreißen (S.Schwarzschild).
Zum Abschluß folgt eine Lesung, die die Versöhnung mit Gott noch einmal anschaulich werden läßt. Es ist eine Zusammenstellung von biblischen Versen im Sinne eines Dialogs zwischen Gott und Israel, zwischen Gott und jedem einzelnen Menschen. Der Dialog folgt den Stufen dieser Beziehung durch den Weg des Lebens als einer Beziehung der Liebe, die Entfremdung und Versöhnung kennt.
Aus der Liturgie des Versöhnungstages:
Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich bestimmt (Jer 1,4f).
Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog,
mich barg an der Brust der Mutter... Sei mir nicht fern (Ps 22,10.12).
Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so will ich euch trösten (Jes 66,13).
Denk nicht an meine Jugendsünden und meine Frevel,
sondern gedenke meiner in Liebe (Ps 25,7).
Ich gedenke deine Jugendtreue, an die Liebe deiner Brautzeit,
wie du mir in der Wüste gefolgt bist, in ein Land ohne Aussaat (Jer 2,2).
Was habe ich Himmel außer dir? Außer dir habe ich nichts auf der Erde.
Mein Leib und mein Herz mögen zunichte werden, aber Gott ist der Felsen meines Herzens und mein Anteil auf ewig (Ps 73,25f).
Ich traue dich mir an auf ewig. Ich traue dich mir an mit Recht und Gerechtigkeit, mit Liebe und Erbarmen.
Ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue,
dann wirst du den Herrn erkennen (Hos 2,21f).
Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist,
wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort;
bettete ich mich in der Unterwelt, bist zu zugegen (Ps 139,7f).
Ich wäre zu erreichen gewesen für jene, die nicht nach mir fragten,
ich wäre zu finden gewesen für die, die nicht nach mir suchten.
Ich sagte: “Hier bin ich”, “hier bin ich” zu meinem Volk, das meinen Namen nicht anrief (Jes 65,1).
Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum,
um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
Nach dir schmachtet mein Leib
wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser (Ps 63,3.2).
Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet,
so erhöre ich euch. Sucht ihr mich, so findet ihr mich.
Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir sucht,
lasse ich mich von euch finden (Jer 29,12-14).
Verwirf mich nicht, wenn ich alt bin,
verlaß mich nicht, wenn meine Kräfte schwinden (Ps 71,9).
So alt ihr auch werdet, ich bleibe derselbe,
und wenn ihr grau werdet, werde ich euch stützen.
Ich habe es getan und ich werde euch weiterhin tragen,
ich werde euch stützen und retten (Jes 46,1).
Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten.
Du leitest mich nach deinem Ratschluß und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit (Ps 73,23f).
Schwester Hiltrud Priebe
