Quatemberbote Nr. 251
Sept. 2011
| Thema | Autor | Datum |
| Das Reich Gottes ist nahe | Frieder Rebafka | 09/11 |
| Gottes Reich ist wie ein Netz | Walter Goll | 09/11 |
| Das Reich Gottes ist mitten unter euch | Sr. Dorothea Vosgerau | 09/11 |
| Reich Gottes: Leben aus dem Geist - geistvoll leben | nach Marcus J.Borg | 09/11 |
| PDF-Download | 09/11 |
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen
(Mt 13,47).
Wenn Jesus das Himmelreich nennt, will er nicht sagen, dass es ein übermenschliches, ein überirdisches Reich sei, nach dem er trachtet, sondern er will nur sagen: Es kommt wie vom Himmel herunter für uns, oder es kommt von Gott - deswegen heißt es auch das Reich Gottes. Aber es soll ganz ein Reich sein unter uns, so wie es die Menschen auf Erden nötig haben.
Ein Reich ist eine Herrschaft. Es ist nicht nur ein seliger Zustand, sondern es ist ein Zustand des Arbeitens und Schaffens, wie wir es auch gewöhnt sind, nur nicht in menschlicher Unvollkommenheit, durchsetzt mit Unwahrheit und Ungerechtigkeit, mit Lüge und Täuschung, sondern alles in Wahrheit und Gerechtigkeit, so dass es zum Glück aller derer ausschlägt, die im Himmelreich sind.
Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1919)
Das Reich Gottes ist nahe
Im Glauben bleibt die Gewissheit, dass Gottes Reich besteht und auf seine Vollendung wartet. Weil Gott seine Schöpfung und die Welt liebt, wird er sie nicht den dämonischen Mächten preisgeben, und er wird trotz aller Mängel und Verschuldung seine Menschheit nie fallen lassen. "Mit der Bitte, Dein Reich komme, anerkennen wir den Primat Gottes, den Primat der Liebe"
(Papst Benedikt XVI. in seinem Buch: Jesus I).
Das Reich Gottes von Anfang an
Von Anfang der Schöpfung an bezeugt die Bibel die Herrschaft Gottes über alle Welt. Bis heute kennen wir Weissagungen vom Sieg des Reiches Gottes (Ps 24,1) und von der Herrschaft Gottes sowohl über die Erwählung des Volkes Israel (5Mos 7,6), als auch über die gesamte Menschheits- und Gottesgeschichte (1Mos 14,19; Ps 24,3). Besonders die Propheten des Alten Bundes waren Bahnbrecher und Vorbereiter des Reiches Gottes und des Kommens des Messias. Sie erkannten aber noch wenig über den langen Zeitraum zwischen der ersten und zweiten Ankunft des Messias.
Im Neuen Testament nahm das Reich Gottes seinen Anfang mit der Erscheinung Jesu, der Ausgießung des Heiligen Geistes und der Stiftung seiner Gemeinde und Kirche. Die Botschaft vom Reich Gottes war im Laufe der Kirchengeschichte sehr wechselfällig. Es gab immer wieder Aufbrüche und Neuanfänge, die nach dem Reich suchten, z.B. die Katharer oder Waldenser. In den vergangenen Jahrzehnten hat das Wort vom Reich Gottes auch in verschiedenen Bewegungen vermehrte Aufmerksamkeit gefunden.
Blick auf die Gegenwart
Die Reiche dieser Welt werden oft durch Kriege und Gewalt ausgebreitet und durch Machtmissbrauch und Unterdrückung aufrechterhalten. Nicht so das Reich Christi, es unterscheidet sich fundamental. Jesus sagt: … es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen (Joh 3, 5). "Gottes Reich ist nicht da, wo Menschen Gott in ihr Werk zu ziehen suchen, sondern wo Gott Menschen in sein Werk zieht" (Jakob Kroeker, 1872–1948, ehemaliger Direktor des Missionsbundes "Licht im Osten").
Diese Tatsache steht im Gegensatz zu den Fortschritts- und Harmonieträumen vieler Menschen. In der Vergangenheit versuchten viele, durch Erziehung, Bildung und gesellschaftliche Veränderungen, ein "Idealreich" zu schaffen. Ständig wurden Bemühungen unternommen, einen "Übermenschen" zu formen, der für die irdischen Belange geeignet erschien. Trotzdem sind Menschen heute verunsichert und verängstigt und fragen sich, wie es mit dieser Erde und der Weltfamilie weitergehen soll, weil viele Veränderungen nicht zum erhofften Frieden und zu mehr Gerechtigkeit geführt haben. Die wirtschaftlichen und politischen Krisen, die rasanten Entwicklungen in Technik und Wissenschaft überfordern einen Großteil der Menschen und vermitteln wenig Zuversicht. Auch die Natur- und Umweltkatastrophen in jüngster Zeit verstärken die Weltängste. Die Wehen der Endzeit stehen also nicht erst bevor, sie sind bereits angebrochen und werden sich wohl noch steigern (Mt 24 und 25).
Angesichts solcher Entwicklungen werden die Vollendung des Gottesreiches und die Wiederkunft Christi als Utopie empfunden, oder sie werden auf das Ende der Geschichte verlagert, wo sich ein solches Ereignis aus sich selbst zu ergeben vermag. Häufig wird das Thema nur noch in verschiedenen Liturgien bewahrt.
Das Bleibende muss noch kommen
Im Vaterunser beten wir: Dein Reich komme! Kommt das Reich Gottes, so ist das die rettende Wende für alle, die sich bis dahin in einem anderen Einflussbereich befanden. Darum beginnt Jesus sein Wirken mit dem Ruf: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium (Mk 1,15). Diese Botschaft an die Menschen ist ein Geschenk und zugleich eine Aufforderung, umzukehren und zu glauben.
Für das Kommen des Reiches Gottes spielt diese Erde eine wichtige Rolle. Nietzsche lässt seinen Antichrist rufen: "Bleibt mir der Erde treu, ihr Brüder." Seiner Meinung nach gilt die Gotteswelt nur für den Himmel, nicht für die Erde. Mit seiner Aussage stimmt Nietzsches Antichrist merkwürdig überein mit Jesus selbst. Auch Jesus verweist durch sein Leben und seine Lehre auf die Bedeutung dieser Erde. Aber für ihn stehen Himmel und Erde in einem unlöslichen Heilszusammenhang. Jesus lehrt die Jünger, das Wirken Gottes in dieser Schöpfung zu achten und nicht durch Unglaube an die Mächte der Finsternis zu verraten. Jesus hofft, dass auf dieser Erde der Wille Gottes umfassend geschehen kann.
Diese Erfüllung des Gotteswillens wird in Offenbarung 5 in ein erhellendes Licht gestellt: …du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel, denn du bist erwürgt und hast uns Gott erkauft mit deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und Volk und Heiden. Und hast uns unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und wir werden Könige sein auf Erden (Offb 5,9-10). Jesus Christus ist als Einziger würdig, das Buch zu empfangen und die Siegel zu brechen. Damit nimmt sich Jesus noch einmal der Sache der Menschheit an und bringt ihr das göttliche Erbe. Durch ihn allein geschieht der Vollzug und er verleiht den Menschen Würde und Verantwortung als Könige und Priester.
Am Ende aller Zeiten steht Christus bereit zu richten und zu vollenden. Himmel und Erde, Gottheit und Menschheit, Schöpfung und Schöpfer werden wieder vereint. Alles Geschaffene wird wiederhergestellt zur ursprünglichen göttlichen Schönheit und Ordnung, damit am Ende Gott alles in allem sei und der Sohn die ganze in ihm gesammelte Welt dem Vater übergeben kann (vgl. 1Kor 15,25). Dieses gewaltige Ereignis ist ein Geheimnis für unseren Verstand, aber der Glaube hält sich an Gottes Wort und vertraut ihm.
Warten auf die kommenden Taten Gottes
Wie und wann Gottes Heilsplan zur Vollendung kommt, weiß niemand. Keiner durchschaut die innerweltlichen Umbrüche und die Entwicklung der Menschheitsgeschichte, aber als Christen wollen wir acht haben und wachsam sein über allem, was sich tut und entfaltet. Noch stehen Menschen im Kampf gegen Krankheit und Tod. Noch ist die Christenheit zerrissen und getrennt. Noch ist das Reich Gottes geheimnisvoll verborgen. - Doch dann wird es offenbar werden und die Gerechten werden hervorleuchten wie die Sonne (vgl. Mt 13,43).
Wer um das Kommen des Reiches Gottes bittet, gehört zu den wartenden Jüngern Jesu. Sie handeln in Glauben und Gebet, in Zuversicht und Freude, bis der Herr wiederkommt. Sie rufen "Marana tha" - "Komm Herr!" Denn der Geist und die Braut sprechen, komm! (Offb 22,17)
Frieder Rebafka
Gottes Reich ist wie ein Netz
... wie Christen heute am Reich Gottes bauen
In einem Zeitungsbericht über eine Party in Berlin heißt es, dass es keine gewöhnliche Party sei. Vielmehr handle es sich dabei um ein Netzwerktreffen, und zwar ein christliches. Weiter wird dann geschrieben: "Das macht Sinn, denn immerhin sind rund zwei Milliarden Menschen auf der Erde Christen. Die christlichen Kirchen bilden potentiell nicht nur eines der größten, sondern auch eines der ältesten Netzwerke der Welt."
Netzwerke gehören bei der technologischen Entwicklung unseres Kommunikations bzw. Informationszeitalters immer selbstverständlicher zum Alltagsleben. Angesichts der immer größer werdenden Fülle an Kenntnissen und Wissen ist das im Blick auf die Ganzheit des Lebens unbedingt notwendig.
Jesus wies ebenfalls auf ein Netz hin, als er mit Bildern und Gleichnissen von der geheimnisvollen Wirklichkeit des Reiches Gottes sprach. Es ist mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen (Mt 13,47). So hat er als Jünger zuerst Netz-Experten in die Nachfolge gerufen. Die Fischer vom See Genezareth verstanden sich auf dieses Metier. Ihre Berufung haben sie im Zuspruch Jesu empfangen, ab jetzt, in der Verbundenheit mit ihm und miteinander, Menschenfischer zu sein. Von diesem kleinen Anfang her hat sich im Lauf der Geschichte das Netz des Reiches Gottes stetig ausgebreitet.
Das Reich Gottes ist die dynamische Herrschaft Gottes, die in allen Lebensbereichen eines Ortes, einer Stadt oder Region wirkt und mehr als den Bereich "Kirche" abdeckt (siehe K. Warrington, Das Reich Gottes, S. 253). In der Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, in denen etwas von dieser Dynamik sichtbar wurde. Ganze Gesellschaftsbereiche wurden tiefgreifend beeinflusst und verändert. Wirkungen, die von Klöstern ausgegangen sind oder infolge von Erweckungen wie etwa durch die Gebrüder Wesley oder die Herrnhuter Brüdergemeine mit Graf von Zinzendorf sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Gibt es heute bei uns in Deutschland aktuelle Entwicklungen, die Derartiges vermuten lassen, bei denen Vergleichbares zu beobachten ist?
Beispiel eines lokalen Netzes
Auf lokaler Ebene bin ich in der Stadt Augsburg in ein christliches Netz eingebunden. Was sich heutzutage dabei ansatzweise ereignet, davon möchte ich erzählen. Seit Anfang 2007 gibt es ein Treffen von Verantwortlichen unterschiedlicher christlicher Gruppierungen mit dem Anliegen, sich im Sinne des Reiches Gottes zu vernetzen. Augsburg hat eine reiche Geschichte, die wesentlich von Christen beeinflusst ist. In unserer Zeit hatte es schon jahrelang immer wieder Initiativen der Zusammenarbeit verschiedener christlicher Gemeinden und Einzelpersonen gegeben. Nicht nur die Evangelische Allianz als ein solches Netz, sondern auch die Beteiligung von Katholiken hat eine projektbezogene Zusammenarbeit vor allem im evangelistischen Bereich ermöglicht. Im Hintergrund sehr hilfreich dazu war ein seit Jahren bestehender Kreis zur Einheit sowie ein Leitergebet. Vieles, auch was die Kirchen und Gemeinden angeht, hatte allerdings eher nebeneinander existiert.
Die Wahrnehmung dieser Situation sowie personelle Wechsel an verschiedenen Stellen haben etwas in Gang gebracht, das einem tieferen Miteinander dienen soll. Weg von der Betonung von Projekten hat sich ein neuer Akzent entwickelt. Es wurde die Bedeutung von Freundschaft unter den verschiedenen Personen und das Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung für die ganze Stadt unter dem Motto Suchet der Stadt Bestes wichtiger. Um das ganze und größere Netz im Sinne des Reiches Gottes sollte es gehen.
Daraus ergab sich ein Treffen von 17 Verantwortlichen. Diese Personen vertraten jeweils verschiedenartige Netze: CVJM, Jugend mit einer Mission, die Fokolar-Bewegung, Ökumenisches Lebenszentrum, einen ökumenischen Schwesternkreis, die Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche, bruderschaftliche Kreise, Christen in der Wirtschaft und christliche Geschäftsleute, Leitergebet, Wächtergebet, Evangelische Allianz und die Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche. Man wollte sich künftig im Sinn einer besseren und umfassenderen Vernetzung regelmäßig einmal jährlich treffen. Zusätzlich sollte ein jährlicher "Tag zur Einheit" für Mitglieder aus diesen Netzwerken stattfinden.
Worum es gehen soll
Ein paar Sätze aus dem dafür erarbeiteten Leitbild mögen illustrieren, worum es dabei geht. Als Ziele sind dort u.a. genannt: "Wir wollen mitwirken, dass sich das Volk Gottes sammelt, um Gott zu loben und Ihm Ehre zu geben. ... Wir wollen das gemeinsame öffentliche Zeugnis des Evangeliums fördern. Wir wollen dazu beitragen, dass die Christen vor Ort Salz und Licht in Stadt und Gesellschaft sein können."
Wie sollte das geschehen? "Die Verantwortlichen der verschiedenen organisch gewachsenen Netzwerke in Stadt und Region verbinden sich. Darunter verstehen wir Personen, die Netze über ihr 'eigenes Zuhause' hinaus betreiben. Die einzelnen Netzwerke stellen sich gegenseitig vor. Gemeinsam beobachten wir die Entwicklungen in Stadt und Land." Etwas später wird noch gesagt: "Wir sind offen für gemeinsame Aktionen, lassen uns aber immer frei, was die Beteiligung angeht."
Was sich entwickelt hat
In den vier Jahren, seitdem diese Treffen stattfinden, ist das Bewusstsein des im dreieinigen Gott begründeten größeren Miteinanders gewachsen. Von den Treffen dieser Verantwortlichen, besonders aber dem "Tag zur Einheit" mit jeweils 60 bis 80 Teilnehmern ist Ermutigung ausgegangen. Bewusst wurden Themen behandelt, die mit dem Reich Gottes zu tun haben und zur konkreten Situation vor Ort in Verbindung gebracht wurden. Beispiele sind "Dein Reich komme - das Evangelium vom Reich den Städten", "Dein Reich komme, dein Wille geschehe", "Der ganze Jesus und das ganze Reich". Diese Themen wurden aufgefächert mit dem Blick in den persönlichen Bereich, in die Kirche und Gemeinden und in die Gesellschaft. Außerdem gab es Informationen mittels einer Präsentation zu bestehenden Gruppen und Initiativen in Stadt und Region. Bereits Bestehendes wie z.B. ein Fest zur Ehre Gottes mit einem gemeinsamen Gottesdienst auf der Freilichtbühne wurde von einem Teil des Gesamtnetzwerkes verantwortet. Dessen Kollekte zugunsten einer Initiative, die das soziale Miteinander in der Stadt fördert, haben öffentlich die Verantwortung von Christen für die Stadt dokumentiert. Zugleich konnte Neues, das von einem Teilnetzwerk angestoßen und verantwortet wurde, im Bewusstsein des großen Miteinanders wesentlich breiter als üblich unterstützt werden. So wurde eine große Pro-Christ- Regional-Veranstaltung von der Evangelischen Allianz her in diesem Netzwerk eingebunden und somit auch von römisch- katholischen Kreisen unterstützt.
Die Erfahrung zeigt aber auch, dass es für Verantwortliche nicht leicht ist, über den gegebenen ursprünglichen Bereich hinaus das Größere und Ganze im Sinn der Reich- Gottes-Dimension im Auge zu behalten. Darüber hinaus sind noch sehr viele Gesellschaftsbereiche zu wenig in diesem Kreis präsent, um die ganze Breite des Lebens wenigstens annähernd abzubilden. Dennoch ist es ein Hoffnungszeichen.
Weitere Beispiele
So ähnlich ereignet sich momentan in verschiedenen Städten und Orten etwas mit diesem größeren Horizont. Die Initiative "Gemeinsam - für ..." ist ein Beispiel. In Berlin und weiteren Städten und Orten Deutschlands sind solche Vernetzungen entstanden oder im Entstehen. Ihr spezielles Anliegen ist "die Förderung der Einheit der Christen einer Stadt mit dem Ziel, alle Menschen und Bereiche der Stadt mit dem Evangelium erreichen zu helfen." Der wesentliche Wurzelgrund, die unerlässliche Kraftquelle dafür ist das absichtslose gemeinsame Leben in der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes.
Walter Goll
[Das erwähnte Buch: Keith Warrington, "Das Reich Gottes, Die Vision wiedergewinnen", Lüdenscheid 2011]


Das Reich Gottes ist mitten unter euch
"Die Welt ist voll der Wunden Gottes und Seiner geringsten Brüder. Jeder, der sich entzieht, tut der Liebe weh. In allem Elend aber erwartet uns Jesus. Und wo Er ist, ist die Hoffnung der Welt."
So schrieben 1970 Brüder der Kommunität Christusträger, die in den 60er Jahren in Bensheim/Hessen aus einem Jugendkreis innerhalb der evangelischen Kirche gewachsen waren. Bereits 1963 reisten die ersten Schwestern nach Pakistan aus, um dort unter Leprakranken zu arbeiten. In der Folgezeit entstanden weitere Auslandsstationen. Heute leben und arbeiten Schwestern und Brüder an mehreren Standorten in Deutschland, in der Schweiz, in Pakistan, Afghanistan, Indonesien, Brasilien, Argentinien und im Kongo.
In diesem Jahr feiert die Kommunität ihr 50jähriges Bestehen. Wir drucken im Folgenden Auszüge aus einem Bericht der Brüder aus Kabul/Afghanistan vom April dieses Jahres ab.
"Vor dreißig Jahren begannen wir technische Geräte und Krankenhaustechnik in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu reparieren. Zur Zeit der russischen Besatzung waren wir aus dem Westen nicht gerade willkommen; es erforderte Wachsamkeit und Umsicht, sich so zu verhalten, dass unsere Visa wieder verlängert wurden. Nach dem Abzug der Sowjetarmee 1989 lockerte sich die Atmosphäre, es wurde möglich, Lehrlinge auszubilden.
Nachdem im Jahr 1992 die Mudschaheddin Kabul besetzten, wurden in den nächsten vier Jahren zwei Drittel der Stadt in Schutt und Asche gelegt; auch um unsere Werkstatt herum gingen ca. 300 Raketen und Granaten nieder.
Viele Handwerker waren ohne Beschäftigung auf der Straße; ich holte sie in die Werkstatt, sie waren froh um ihren neuen Arbeitsplatz. Nach einiger Zeit war die gesamte Stromversorgung in Kabul für drei Jahre zusammengebrochen. Wir machten es zu unserer Aufgabe, die Notstromaggregate der Hospitäler funktionstüchtig zu erhalten. Die Präsenz von uns Brüdern und von den Kleinen Schwestern von Jesus waren in dieser Zeit für viele Menschen in Kabul ein Lichtblick. Die Gegenwart Gottes und die unzähligen Bewahrungen in Gefahr waren unsere innere Stärkung.
Nach 2002 strömten viele Hilfsorganisationen ins Land. Misereor aus Aachen war bereit, unsere Arbeit zu unterstützen und speziell unsere Lehrlingsausbildung zu fördern. So nahmen wir vermehrt die Ausbildung von Lehrlingen im Metallberuf ins Programm auf. Gute Lehrlinge bekommen nach der Ausbildung einen gebrauchten Werkstattcontainer mit Drehbank, Schweißgerät und Generator ausgerüstet und werden in den Basar entlassen. Die Maschinen und Werkzeuge sind Geschenke von deutschen Freunden aus dem Metallhandwerk, die auf diese Weise ganz besonders viel Frucht tragen.
Vor kurzem war wieder so eine schöne Übergabe. Da gerade wieder ein leerer Container auf dem Hof stand, rief ich den Betriebsrat, das sind die langjährigen Mitarbeiter, zusammen, sie sollten den Kandidaten aussuchen, der die nächste Containerwerkstatt bekommen sollte. Die Wahl fiel einstimmig auf Issa Mohammed. Er kam als Hilfsarbeiter vor ca. 7 Jahren zu uns. Mein Stellvertreter entdeckte in ihm die Begabung fürs Klempnerhandwerk. Sein oftmals trauriges Gesicht spiegelte den Schatten seiner schweren Vergangenheit wider. Wir riefen ihn zu uns und berichteten ihm, dass seine afghanischen Kollegen einstimmig beschlossen hatten, dass er die nächste Werkstatt mit Klempnerausstattung bekommen sollte. Sein Gesicht begann zu leuchten. Nach Feierabend ging er nicht nur über den Hof, nein, er schwebte beinahe vor Glück und ging erhobenen Hauptes nach Hause, um seiner 13-köpfigen Familie die Neuigkeit mitzuteilen. Den Container richtete er selber unter unserer Anleitung ein. Er hat Söhne, die er in sein neues Geschäft einarbeiten kann und wohnt in einem Neubaugebiet, wo seine Dienste gefragt sind. Wenn ich erleben darf, dass es wieder einer geschafft hat, ist das für mich die größte Belohnung aller Mühen. Nach so vielen Jahren darf ich beobachten, dass die Containerwerkstattchefs ihrerseits Gutes tun, z.B. für ihre Mitarbeiter das Brennmaterial für den Winter finanzieren. Einer hatte gerade gutes Geld von einem Auftrag eingenommen und finanzierte einer armen Familie für einen Monat die Lebensmittel. Ein anderer brachte geistig behinderten Frauen, die von einer Ordensschwester betreut werden, spontan etliche Flaschen Coca Cola mit, was große Begeisterung bei den Patientinnen auslöste."
Unzählige solcher und ähnlicher Reich-Gottes-Erfahrungen sind in den Berichten der Schwestern und Brüder seit Beginn ihrer Tätigkeit zu lesen. Eine Schwester aus Pakistan fasst es so zusammen: "Ich danke Gott, dass wir als Schwestern- und Bruderschaft Teil Seines Reiches sind, welches Er schon hier mitten unter uns und mit uns baut, und dass das Eigentliche noch kommt."
zusammengestellt von Sr. Dorothea Vosgerau
Reich Gottes: Leben aus dem Geist - geistvoll leben
Das Bild von der Königsherrschaft Gottes war eine der klassischen Weisen Israels, über das Verhältnis zwischen jener geistigen und dieser Welt zu sprechen. Wenn man von Gott als einem König sprach, dann sprach man zugleich von der Macht der anderen Welt, die in der irdischen wirksam sei: so etwa bei der Schöpfung, in entscheidenden Augenblicken der Geschichte (zum Beispiel beim Auszug aus Ägypten und bei der Rückkehr aus dem Exil) und am Ende der Zeit.
Das Königtum Gottes kennt ein Königreich, das in die Gegenwart hineinreicht und am Ende der Geschichte zur Vollendung kommt. In der Gegenwart wird das Reich aus jenen gebildet, die sich der göttlichen Herrschaft unterstellt und das königliche Joch auf sich genommen haben. Am Ende wird das ewige Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und des Freudenmahls anbrechen.
Die Geschichte vom Reich Gottes setzt also die Welten der Urüberlieferung am Beginn (Gott und Schöpfung), der Geschichte und des Endes (Weltuntergang) miteinander in Beziehung.
Jesus übernahm das Bild vom Königtum Gottes und seinem Reich, um deutlich zu machen, was sein öffentliches Auftreten bedeutet. Als Dämonenaustreiber sprach er vom Reich Gottes als der Geisteskraft, die ihn durchdrang: Wenn ich durch den Geist Gottes Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen. Er bezeichnet seine Zeit als die, in der die königliche Macht am Werke ist: Das Reich Gottes ist gekommen, es ist nahe. Er sprach vom Gottesreich als einer gegenwärtigen Gemeinschaft, in die man jetzt eingehen und um die man beten soll: Dein Reich komme. Und, wie die Tradition vor ihm, sprach er von ihr als dem kommenden Reich, zu dem viele von Osten und Westen hinströmen werden, um mit Abraham, Isaak und Jakob Mahl zu halten.
Für Jesus war die Bildwelt vom Gottesreich die Möglichkeit, über die Kraft des Geistes und das neue Leben, das er schaffte, zu reden. Das Kommen des Gottesreiches ist das Kommen des Geistes, und zwar in das Leben jedes Einzelnen und in die Geschichte insgesamt. In das Reich Gottes eingehen heißt: am Leben des Geistes teilhaben, auf den Weg geleitet werden, den Jesus lehrte und der er selber war.
nach Marcus J.Borg
[Jesus, der neue Mensch, Freiburg 1993, S.224f]

