Quatemberbote Nr. 237
Feb. 2008
| Thema | Autor | Datum |
| Bekehrung ist mehr als ein Anfang | Michael Decker | 02/08 |
| Von Gott gerufen | Frieder Rebafka | 02/08 |
| Von Gottes Wort betroffen | Dorothea Vosgerau | 02/08 |
| Übersicht zitierter Bilbelstellen | 02/08 |
Ich bin getauft auf deinen Namen,
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist;
ich bin gezählt zu deinem Samen,
zum Volk, das dir geheiligt heißt.
Ich bin in Christus eingesenkt,
ich bin mit seinem Geist beschenkt.
Ich gebe dir, mein Gott, aufs neue
Leib, Seel und Herz zum Opfer hin;
erwecke mich zu neuer Treue
und nimm Besitz von meinem Sinn.
Es sei in mir kein Tropfen Blut,
der nicht, Herr, deinen Willen tut.
Lass diesen Vorsatz nimmer wanken,
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist.
Halt mich in deines Bundes Schranken,
bis mich dein Wille sterben heißt.
So leb ich dir, so sterb ich dir,
so lob ich dich dort für und für.

Johann Jakob Rambach 1735
Bekehrung ist mehr als ein Anfang
Während meiner Studentenzeit wurde ich öfter gefragt: „Hast du dich bekehrt?" An den Eingängen der Hörsäle standen manchmal Kommilitonen, die uns in Glaubensgespräche zu verwickeln suchten: „Wann hast du dich bekehrt? Kennst Du Jesus Christus?" Da ich mich durchaus bekehrt wusste und doch diese direkte Art unangenehm aufdringlich fand, machte ich gewöhnlich einen weiten Bogen um diese Missionare.
Aber wie ist es denn wirklich mit der Bekehrung? Wer verwendet dieses Wort überhaupt noch? Wer davon redet, wird schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt. Die Sprache scheint den Evangelikalen oder den Fundamentalisten zu verraten.
In den Quatemberboten dieses Jahrgangs entfalten wir, was mit Bekehrung, Abkehr und Hinkehr im Sinn des Oekumenischen Christusdienstes gemeint ist. Bekehrung umfasst mehr als die persönliche Umkehr des Einzelnen. Sie erweitert sich, wenn ein Mensch in der Nachfolge Christi wächst und vorangeht.
Grundlegend ist sicher die erste Begegung mit dem Anruf und der Erfahrung der Gegenwart Gottes. Von dieser grundlegenden, entschiedenen Hinkehr zum dreieinigen Gott geben die Autoren dieses Heftes Zeugnis.
Doch darin liegt erst ein Anfang. Wer Jesus Christus immer mehr kennen lernt und liebt, geht mit ihm weiter. Auf die ersten Schritte folgen weitere Bekehrungen: die Hinkehr zum Menschsein und zur Welt, die Hinkehr zum ganzen Leib Christi und schließlich die Hinkehr zum Willen Gottes.
Ergriffen von der umfassenden Liebe Gottes
Von Umkehr spricht die Bibel. Viele Personen aus dem Volk Gottes haben eine Kehrtwendung vollzogen - weg von einem gottvergessenen und gottlosen Leben hin zu einem Leben des Glaubens und der Nachfolge. Sie erlebten ihre Bekehrung als ein Geschenk der Gnade, das sie dankbar annahmen. Manche berichten, dass ihre Bekehrung ein langsamer, manchmal jahrelanger Weg ist, auf dem Glaube und Vertrauen wachsen. Andere erzählen, wie sie von der Wahrheit und Liebe Gottes plötzlich ergriffen wurden und gar nicht mehr anders konnten, als sich von ihrem früheren Eigenleben abzuwenden und Gott völlig zu überlassen.
Bei vielen verlief die Hinkehr zu Gott mehr unbewusst, oft angestoßen durch die (Kinder-) Taufe und ein christliches Elternhaus und Umfeld. Vielen ist es gar nicht möglich, einen bestimmten Zeitpunkt für ihre Glaubensgewissheit zu nennen. Für manche steht eine Sündenerkenntnis und Beichte am Anfang. Für andere ist das Ergriffensein von der umfassenden, heilenden Liebe des dreieinigen Gottes entscheidend.
Wichtiger als die Art und Weise oder die Umstände der Bekehrung ist das neue Leben, das mit der entschiedenen Zuwendung zu Gott beginnt. Auf dem weiteren Weg ist es immer wieder notwendig, sich von allem, was Gott nicht gefällt, abzuwenden und um die Gnade zu bitten, aus aller Trennung zurückzufinden in die Gemeinschaft mit ihm.
Jüngerschaft - ebenso wie Freundschaft, Elternschaft oder Bruderschaft - lebt davon, dass die Personen einander aufmerksam zugewandt bleiben, dass sie ihr Leben teilen und ihr Vertrauen vertiefen. Bekehrung ist dabei meist ein Anfang oder eine wichtige Weichenstellung auf dem Nachfolgeweg. Der ersten Bekehrung zu Gott, dem Schöpfer und Vater, zu Jesus, dem Erlöser und Heiland, zum Heiligen Geist, dem Helfer und Tröster, folgen weitere Schritte. Die erste Bekehrung wächst und entfaltet sich weiter. Davon soll in den Quatemberboten dieses Jahres die Rede sein.
Michael Decker
Von Gott gerufen
Gott baut immer wieder Menschen in die Geschichte Jesu ein, damit durch das Evangelium Menschen gerufen, gerettet und gesendet werden. Am Beginn des dritten Jahrtausends erklingt in der Welt erneut die Einladung, die Petrus zusammen mit den ersten Jüngern von Jesus hörte: „Fahrt hinaus auf den See, dort werft eure Netze zum Fang aus" (Luk 5,4). Das macht deutlich, dass die Geschichte dieses Zeitalters in erster Linie dazu bestimmt ist, dass sich das Gottesvolk, der Leib Christi herausbilde, vor dem Anbruch des messianischen Reiches. So liegt der Sinn der Umkehr eines Menschen zu Gott hin darin, über das Eigene und Persönliche hinaus, in das Ganze des Reiches Gottes zu gelangen. In seiner letzten Enzyklika (Spe salvi) hat Papst Benedikt XVI. darauf verwiesen, dass unser Christsein nicht im Persönlichen und Privaten stecken bleiben darf, sondern dass wir zur Hoffnung für Gott und die Menschen unser Leben hergeben sollen.
Zur Umkehr gerufen
Für einige Glaubensgemeinschaften ist die Bekehrung eine zentrale Frage, die sehr wohl auch biblisch ist. Der Glaubensweg ist aber mit der Umkehr nicht abgeschlossen, wie manche meinen, sondern er führt weiter zu einem Glaubens- und Lebensprozess in die Gemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott und mit den Glaubensgeschwistern. Verkündet doch Jesus die Botschaft: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen, tut Buße und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15). So beginnt das Reich Gottes wie ein wachsendes und sich entfaltendes Samenkorn im Menschen.
So wichtig der Orientierungspunkt der Bekehrung ist, geht es nicht um einen Heilsindividualismus, sondern Bekehrung will als ein Akt des Gehorsams zum Glauben an den Dreieinigen Gott und als Konsequenz, dem Ruf Jesu „folge mir nach" verstanden werden. Das Ja des Menschen zur Gottes- und der Menschengemeinschaft reiht sich damit in das Ja Jesu ein, das er zum Vater, zu seinen Jüngern, zu den Menschen, zu seiner Kirche, zur Schöpfung gegeben hat. Dieses Ja muss bei Entscheidungen wie ein lang anhaltendes Echo immer wieder neu gegeben werden. Es braucht oft einen längeren Weg, bis der vernommene Anruf vom Ohr ins Herz, bis zur Tat der Liebe gelangt. Der Geist Gottes ist aber von großer Geduld und hört nicht auf, seine Stimme zu erheben, um seine Anliegen zu bringen, Nachfolger Jesu zu finden. Die Mitte der Schrift ist daher nicht die Bekehrung, sondern das Leben mit Jesus Christus. Das bedeutet, wir leben aus dem Opfer Jesu, aus seinem Gebet, aus seinem Geist, der für die Einheit steht, und aus seiner Liebe
Zu seinem Wort gerufen
Ein Zeugnis der Wirkkraft des Wortes Gottes können wir in einer jungen freien Gemeinde in Stuttgart sehen. Dort haben zu Beginn ihrer Gemeindegründung mit ca. 20 Personen vor acht Jahren sieben Familien auf den Straßen Passanten zu Glaubensgesprächen und zu ihren sonntäglichen Gottesdiensten eingeladen. Inzwischen verzeichnet die Gemeinde über zweihundertfünfzig Mitglieder mit weiter wachsender Tendenz. Das bedeutet, dass wegen fehlender Raumgrößen am Sonntag zwei Gottesdienste stattfinden und für ihre Glaubenskurse ein Anmeldestopp besteht. Das führt zur großen Freude und zum Lobe Gottes, wenn wir miterleben, wie in einer Großstadt und dem darin wuchernden „Unkraut" (das Böse) dennoch der lebendige Same des Wortes Gottes in vielfacher Frucht heranwächst (Mt13,25 ff).
Für einen bekehrten Menschen bedeutet die Kenntnis des Wortes Gottes, von Gott Leben empfangen. Gott selber wirkt durch das Wort in der Geschichte, wie wir es in der Heiligen Schrift erkennen. Darum ist der Dialog mit dem Wort Gottes für den Glaubensanfänger von grundlegender Bedeutung. Durch die Haltung und den Glauben des Hörers, des Betrachters, verkörpert sich langsam das Wort in ihm und wird Fleisch, das sich dann ausdrückt in seiner Anschauung, in seinem Charakter, in seinem Glauben und in seiner Sprache. Christus gewinnt Raum in ihm und er reift als Glied in der einen Kirche heran.
Zur Sammlung gerufen
Die Annahme der Frohbotschaft drängt von sich aus dazu, sie anderen mitzuteilen. Die Wahrheit, die das Leben rettet, führt zur tiefen Freude im Herz und mit einer Liebe zum Nächsten, um das weiter zu schenken, was er selbst umsonst empfangen hat. Dabei geht es um die Bestärkung zum gemeinsamen Leben aus der Taufe und zur Ermutigung der gegenseitigen Annahme in Christus. Aus dem „ich glaube", formt sich ein „wir glauben". In der familienhaften Struktur erfährt der Bekehrte bereits das Geschenk Gottes einer innerfamiliären Einheit, die zu einem Hort der Liebe und Annahme werden kann. Das Thema der Einheit und der Vielgestaltigkeit in der neuen Gemeinschaft wird für den Bekehrten immer deutlicher erkennbar und erfahrbar. Das hilft ihm, seine Gaben, Fähigkeiten, Tugenden etc. zu entdecken und auszuformen, um sie dann in das gemeinschaftliche Leben einzubringen. Dabei soll der eigene Entwicklungsprozess - das Sein, das Reden und das Tun - zu einer Einheit kommen und zum gereiften Menschen im Glauben und Leben hinführen. Es bedarf daher der Begleitung einer vertrauenswürdigen Person, die den Sinn des Lebens zu erhellen und das Leben zu orientieren vermag. In der Bereitschaft, geistliche Familie zu leben, liegt bereits die vielfältige Entwicklung, hinein in die Sendung zur Kirche und zur Gesellschaft.
Zum Dienst gerufen
Gott kommt zu uns als der Dienende aller, in der Gestalt unseres Herrn Jesus Christus. Gott lässt ihn Mensch werden und Knechtsgestalt annehmen. Er lässt den Erlöser der Menschheit die Schürze umbinden, Wasser in ein Becken gießen und den Jüngern die Füße waschen. Als Menschen- und Gottessohn diente er den Kranken, Gelähmten, Besessenen etc. und geht gehorsam bis in den Tod ans Kreuz und stirbt im Dienst für die Menschen. Gott vollbringt sein Erlösungswerk durch liebendes Dienen und dienende Liebe, und baut so sein Reich auf dieser Erde. Das ist die Richtschnur eines priesterlich-diakonischen Dienstes der Liebe hin zu Gott, zu seiner Kirche, zu den Brüdern und Schwestern in uneingeschränkter Hingabe. Die Ausübung eines Dienstes geschieht durch die Gnade und die Kraft des Heiligen Geistes.
Dieses Dienen ist die Liebeshingabe, die vom Herzen Gottes ausgeht und durch das Herz des Menschen wirkt. Sie besitzt die Kraft, die Welt und die Kirche zu erneuern. In der Diakonie kommt es nicht so sehr darauf an, was wir tun, sondern ob wir in der Gesinnung Jesu leben, indem wir ganz Gott vertrauen, denn: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen"
(1Tim 2,4). Ein solches Dienen bewahrt nicht davor, enttäuscht zu werden.
Immer wieder muss im Kleinen unseres Alltags diese Hingabe geübt werden, um darin Jesu Art des Dienens zu lernen. Meine Frau und ich versuchen, regelmäßig eine frühere Arbeitskollegin aus dem CVJM im Pflegeheim zu besuchen. Sie liegt seit fast drei Jahren im Wachkoma. Wir stehen dann einem Menschen gegenüber, mit dem kein Austausch, keine Kommunikation mehr möglich ist. Hier lernen wir, was es heißt zu dienen, in der Haltung, im Respekt, in der Aufmerksamkeit, im Gebet und im Glauben. Gott liebt sie und trägt sie, was wir manchmal erspüren dürfen. Es gilt daher, der Liebe zu ihr hin vorbehaltlosen Raum zu geben, und zu wissen, dass wir in Christus miteinander verbunden sind und bleiben. Manchmal scheint uns ein „Augenblick" bei ihr dies uns sagen zu wollen.
Zur Einheit gerufen
Heute erleben wir eine vielfältige und gute äußere Diakonie für Arme, Notleidende und Bedürftige. Dabei wird aber das konfessionelle Profil nicht aufgegeben, sondern sogar verstärkt, anstatt in Einheit miteinander vor Gott zu leben, da jeder dazu von Gott berufen ist. Hier bleibt der Auftrag Gottes des Ökumenischen Christusdienstes unverändert: „Vereinige uns alle mit dir und miteinander in der einen, alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft, unzertrennlich in deinem Herzen".
Frieder Rebafka
Von Gottes Wort betroffen
Beim Aufräumen fand ich zufällig alte Briefe aus meiner Vikariatszeit an meinen Verlobten. In dem Stapel lag auch eine Predigt. Ich hatte sie aufgehoben, weil mir Gott durch den Heiligen Geist eine Einsicht gewährt hatte, die mich damals sehr gepackt hat und die ich bis heute nicht vergessen habe.
In einem der Briefe erwähnte ich diese Predigt mit ihrer Wirkung auf die Gemeinde, in der ich sie gehalten habe. Meine damalige Freude, dass mir diese Predigt viel Lob von der Gemeinde und meinem Vikariatsvater eingebracht hat, hat mich heute - nach fast 50 Jahren - erschüttert. Ich bin durchaus der Meinung, dass ein junger Mensch sich über eine gelungene Arbeit freuen darf. Aber erschrocken war ich, weil ich mich daran erinnerte, dass mein Mann nach seiner Pensionierung einmal sehr traurig sagte: „Nun habe ich keinen regelmäßigen Anlass mehr, mich mit einem Bibeltext zur Vorbereitung einer Predigt gründlich zu beschäftigen." Das glaubte ich nicht verstehen zu können, weil ich vergessen hatte, wie sehr ich allzu oft in die gleiche Falle getappt war: Einen Bibeltext nicht als Geschenk Gottes an mich zu lesen, sondern nur als Grundlage für eine Verkündigung, die mir aufgetragen war.
Ich erschrak zutiefst bei dem Erkennen, wie sehr ich Gottes Liebesgabe in seinem Wort an mich verkannt hatte. Nicht aus Dank, Liebe und Hingabe hatte ich mich damit beschäftigt, sondern ich hatte es lediglich zum Dienst verwendet.
Ob es richtig war, die Predigt zu zerreißen und wegzuwerfen? Nötig sicher nicht! Aber es sollte ein Zeichen meiner Scham und Reue sein. Und es soll mich in Zukunft daran erinnern, dass ich echte Zeugin nur als ein ganz an den dreieinigen Gott hingegebener Mensch sein kann, als ein Mensch, der Gott allein die Ehre gibt.
Dorothea Vosgerau
